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Taureck

 

Als ikonologisches Schwergewicht in der Interpretation des Höhlengleichnisses bringt sich Bernhard Taureck vergleichbar zu Blumenbergs Höhlenausgänge ein, der auf metaphorologischer Ebene eine geistesgeschichtlich gedehnte Durchmusterung in zuhandenen Texten mit höhlengleichnisverdächtigen Anspielungen unternommen hat. Streut Blumenberg ausufernd, gleichsam überall und nirgends zureichend, Schnipsel eines zu erkennenden Höhlengleichnisbezuges ein (über 820 Seiten), verfährt Taurecks Interpretation des Höhlengleichnisses konzentriert, schrittig, zusammenhängend, übersichtlich und gedankenkreisweitend und präsentiert zu seinem Hauptthema mit seiner „Interpretation des Höhlengleichnisses“ das „Herzstück“ seines Werks: Metaphern und Gleichnisse in der Philosophie. Versuch einer kritischen Ikonologie der Philosophie. Vom Anspruchsniveau her ist Taurecks Interpretation auf der Ebene einer studentischen Herausforderung zu sehen, schulisch, mit Blick auf die gymnasiale Oberstufe, eher eine Überforderung, um mit Sinn und Verstand noch mithalten zu können,  aber in der Verfahrensweise durchaus ein beachtliches Lehrstück, sich dem Text, seiner Erschließung zu stellen. Taureck teilt aus: Kritik gilt dem pädagogischen Lehrbetrieb, der im Taylorismus-Verdacht steht und darauf zielt, „möglichst viel in möglichst wenig Zeit mit möglichst wenig Verständnis  seitens der Lehrenden und Lernenden zu behandeln.“ (Ikonologie, S. 320)

 

Ob er in kritischer Absicht auch Blumenbergs historischen Streifzug mit dem „Sich-Verlieren“ in der konsequenzlosen Bildlichkeit gemeint hat, mag offen bleiben. Erkennbar ist, dass beide sich ergänzen, der historische Durchgang bei Blumenberg, bloß dem Gleichnis in assoziativen  Anspielungen und Einlassungen auf der Spur, hingegen die konzentrierte Einbettung der  Höhlengleichnisinterpretation bei Taureck,  die ihren Zugriff nicht beim Gleichnis belässt, sondern wesentlich vom Kontext der „Politeia“ her aufgreift, und zwar als eine Befreiungsaufgabe, die dem „Höhlengefängnis“ gilt.  Eine Befreiung, die nicht nur auf das einzelne Individuum zielt, sondern auf „alle“ hin vergewissert wird und reflexiv Konsequenzen für eine andere Befreiungsgeschichte einholt. Der erkenntnistheoretische Horizont kommt kaum zum Zuge, die pädagogische Umsetzung der Erkenntnisbefreiung, in etwa: nicht für die Schule, sondern fürs gesellschaftliche Leben lernen wir! wird an eine kritisch-ikonologische Interpretation zurückverwiesen.

 

Blumenbergs geschichtlicher Durchgang hat eigentlich keine Zielsetzung, er genügt sich als Registrator der aufgefundenen Schnipsel wie glitzernder Gedankenkristalle und Akzentveränderungen, kommt aber in Bezug auf eine schlüssige und konsistente Gleichniserschließung nicht weiter. Es stellt sich ihm gar nicht mehr das Problem und die Herausforderung einer zu verwirklichenden „Staatsstruktur“, welche der Idee des Guten gerecht wird. Dieser Gedanke ist Taureck jedoch wichtig. Es geht ihm um Überwindung des „Höhlengefängnisses“ und dafür sucht er weiterführende Positionen und verliert an Passung durch soziologisches Intermezzo, was der „gesellschaftliche Fall“ ist,  ohne den Vergleichsblick in die geschichtliche Wirklichkeitsbetrachtung zu nehmen,  nicht zuletzt um Fußpunkte beziehungsweise Entwicklungsabschnitte zu erkennen, die das Höhlengleichnis als eine Befreiungsgeschichte in Kraft sehen. Woran nach den „Tausendjährigen“ der Führerdekade historisch anknüpfen, zumal die „Klassenkampfgeschichte“  ihre Deutungshoheit als Kampfansage verloren hat und einfach obsolet geworden ist? Was sollte noch nach dem Fall der Sowjetunion und dem „Ende der Geschichte“ ein strukturelles Fortschrittsziel herausfordern? Von welchem Vernunftverständnis her findet die Untersuchung statt?

 

Die ungeschichtliche Einordnung gibt sich als Hauptpunkt einer Interpretation, die ihr Optimum verfehlt. Schon die Neuakzentuierung, die auf ein „Höhlengefängnisgleichnis“ abhebt, zeigt den entscheidenden Mangel und die Verdrängung des eigenen geschichtlichen Hintergrundes an, nämlich die Erfahrung der deutschen Höhlenkatastrophe mit dem schicksalhaften und totalitären Ausgeliefertsein all der Höhlenbewohner. Ein rettender Gedanke, der vielleicht nur jenen kam, den Verfolgten, die um die Bedrohung ihres Lebens wussten, die nach dem Höhlenausgang suchten, um sich auf Inseln der Freiheit zu retten. All die andern, ahnungslos, unbekümmert, sorglos, erfolgreich, machtbesessen, größenberauscht, sich auserwählt meinend, sie sind Auserwählte für größtes Unglück,  Tod, Mord, Verderben, Untergang geworden! Taureck hat dieses doch für ihn naheliegende Höhlendrama, dieses großdeutsche Höhlengefängnis nicht auf den Schirm geholt, hat es durch geschichtslose Buchstabengelehrtheit von sich weggehalten, hat sich über das, was die Bildungswirklichkeit durch 2500 Jahre unterscheiden und trennen könnte, keine an der Geschichte orientierten Gedanken gemacht und hat dadurch wohl auch den ursprünglicheren Zugang zum Gleichnis verpasst.

 

Der Brückenschlag von Platons „Befreiung einiger“ (Wächter) zur Aufklärungsepoche, zur „Gattungsaufklärung“ ist ein großartiger Lichtblick nach dem Kleinklein der schrittigen Untersuchung, jedoch ergänzungsbedürftig, hat doch das Christentum den Menschen in die Höhle des Innenlebens geführt und ihn dort bis hin zu Höllenqualen eingekerkert. Aufklärung zeigt dem Menschen eine Welt der Menschheit auf, die durch das Denkvermögen aller dem Fortschritt offen ist und zum mutigen Selberdenken einlädt. Sozusagen die Aufklärung als eine Wende gegen das weltfremde Verharren des Christentums. Von Marx auf „illusorische Sonne“ der Religion erkannt, die dem „Diesseits“ keine Wahrheit zuerkannt hat. Taureck bleibt eurozentrisch und hat nach Histomat und Diamat der materialistischen Ideologiehöhle nicht die universelle Ausrufung der Menschenrechte wie auch die planetarische Lebensgewähr durch die UN inthronisiert.

 

Blumenbergs historische Zeitleiste hat im Durchlauf interpretativer Anschlüsse ein Vielerlei an Facetten festgehalten, aber die Deutung missen lassen. Er repräsentiert ein Bewusstsein, das nicht weiß, wie ihm in der Realität geschehen und ergangen ist. Er steht im Bann der Flüchtigkeit  von Ereignissen und hat sich einer zermarternden und schlüssigen Selbstauslegung im Höhlengleichnis nicht gestellt, sondern hat sich wie in einer Filmserie, hungrig auf neue Assoziationen, von Fortsetzung zu Fortsetzung „mühselig“ fortgezappt, an einer hineinarbeitenden Selbsteinlassung vorbei

 

Taureck möchte nicht einen neuen Mythos erzählen, sondern diesen überlieferten durch schlüssige Analyse präzis und durchaus kontextbewusst von der „Politeia“ her durchbuchstabieren. Als ikonologisches Schwergewicht in der Interpretation des Höhlengleichnisses bringt sich Taureck durchaus vergleichbar zu Blumenbergs Höhlenausgänge ein, der auf metaphorologischer Ebene eine historische Durchmusterung von zuhandenen Texten mit höhlengleichnisverdächtigen Anspielungen unternommen hat. Streut Blumenberg ausufernd, gleichsam überall und nirgends zureichend, Schnipsel eines zu erkennenden Höhlengleichnisbezuges ein (über 820 Seiten), verfährt Taurecks Interpretation konzentriert, schrittig, zusammenhängend, übersichtlich und gedankenkreisweitend und präsentiert zu seinem Hauptthema mit seiner „Interpretation des Höhlengleichnisses“ das „Herzstück“ seines Werks: Metaphern und Gleichnisse in der Philosophie. Versuch einer kritischen Ikonologie der Philosophie. Vom Anspruchsniveau her ist Taurecks Interpretation auf der Ebene einer studentischen Herausforderung zu sehen, schulisch, mit Blick auf die gymnasiale Oberstufe, eine Überforderung, um mit Sinn und Verstand noch mithalten zu können,  aber in der Verfahrensweise ein beachtliches Lehrstück, sich dem Text, sich einer ernsthaften Erschließung zu stellen. Taureck teilt aus: Kritik gilt dem pädagogischen Lehrbetrieb, der im Taylorismus-Verdacht steht und darauf zielt, „möglichst viel in möglichst wenig Zeit mit möglichst wenig Verständnis  seitens der Lehrenden und Lernenden zu behandeln.“ (Ikonologie, S. 320)

 

Ob er in kritischer Absicht auch Blumenbergs historischen Streifzug mit dem „Sich-Verlieren“ in der konsequenzlosen Bildlichkeit gemeint hat, nämlich nur zu interpretieren und nicht auch zugleich auf tatsächliche Veränderung durch neue Einsichten zu gehen, mag offen bleiben. Erkennbar ist, dass beide sich ergänzen, der historische Durchgang als Zeitreise und Nachlese bei Blumenberg, schon dem bloßen Einfließen von Gleichniselementen für das Wichtignehmenkönnen  auf der Spur, dagegen die konzentrierte Einbettung der Höhlengleichnisinterpretation bei Taureck,  die ihren Zugriff nicht beim bloßen Gleichnis textimmanent belässt, sondern eben vom Kontext der „Politeia“ her aufgreift, und zwar als eine Befreiungslehre vom „Höhlengefängnis“, für die allerdings Taureck die historisch-pädagogische Fortschrittsherausforderung der Bewusstseinsbildung auch mit der „Aufklärung“ noch nicht erfasst hat, die für viele Kulturen der Welt ein „Fremdwort“ gegen das eigene Selbstverständnis des globalen Anspruches geblieben ist.

 

 Blumenbergs geschichtlicher Durchgang hat eigentlich keine Zielsetzung, er genügt sich als Registrator der aufgefundenen Schnipsel, glitzernder Gedankenkristalle und Akzentveränderungen, kommt aber in Bezug auf eine schlüssige und konsistente Gleichniserschließung nicht weiter, leistet keine aufklärende Sinndeutung, wofür das jeweilige Sprachbild Repräsentant ist. Es stellt sich ihm gar nicht mehr das Problem und die Herausforderung einer zu verwirklichenden „Staatsstruktur“, einer „reformierten“ Polis, welche der Idee des Guten gerecht wird. Dieser Gedanke ist Taureck jedoch wichtig. Es geht ihm um Überwindung des „Höhlengefängnisses“ und dafür sucht er weiterführende Positionen und verliert  jedoch an Schlüssigkeit in unzureichender Texterschließung. Scheinbar plausible Anknüpfungen, wissenschaftlich legitim, von hoher Reputation im Diskurs gedeckt, können auch zum Lemmingszug geraten und in die Irre führen. Hinzu kommt in Bezug auf das Gleichnis eine geschichtlich fehlende Stringenz und  Einordnung.  Er nimmt nicht den Vergleichsblick in die geschichtliche Wirklichkeitsbetrachtung, um dort Fußpunkte beziehungsweise neue Entwicklungsabschnitte zu erkennen, die das Höhlengleichnis partiell  als Befreiungsgeschichte in Kraft sehen. Blumenbergs Zeitleiste hat ein Vielerlei festgehalten, aber die Deutung missen lassen. Er repräsentiert ein Bewusstsein, das nicht weiß, wie ihm in der Realität geschehen und ergangen ist. Ein Flickenteppich an Bildern zieht am inneren Auge vorbei, bleibt einen schlüssigen Zusammenhang schuldig, um Orientierung bieten zu können. Er steht im Bann der Flüchtigkeit  von Ereignissen und hat sich einer zermarternden und schlüssigen Selbstauslegung im Höhlengleichnis nicht gestellt, sondern hat sich wie in einer Filmserie, hungrig auf neues Assoziationsmaterial hinaus, dem Spürsinn gefrönt und sich von Fortsetzung zu Fortsetzung fortgezappt. Schlussendlich in der eigenen Gegenwart angelangt, löst Blumenberg die Frage nach dem Höhlenausgang auf und greift auf einen anderen alten Mythos zurück, dem als Ausblick für neue Interpretation das historische Wechselgeschehen, formell von Aktion und Reaktion, inhaltlich von Schlagen und Heilen, genügt.

 

Taureck möchte nicht einen neuen Mythos erzählen, sondern diesen vom Höhlengefängnis dem rationalen Zugriff und der Überwindung näherbringen. Er kann im Vergleich mit Blumenberg nicht mit einem größeren Erfolg aufwarten, aber seine Auseinandersetzung mit dem Höhlengleichnis ist didaktisch interessanter und detailschärfer, denn sie beteiligt an der Lösungssuche, motiviert, fordert das Mitdenken heraus, macht neugierig darauf, was denn Taureck an wegweisenden Positionen gefunden hat, nämlich das interpretierte „Höhlengefängnisgleichnis“ als Schlüssel zu einer wirklichen Befreiungsgeschichte.

 

Unter der Voraussetzung noch gänzlich anleitungsbedürftig zu sein, vermöchte Taurecks Interpretation ein Hochgefühl auszulösen, nämlich einem rätselhaften Gleichnis auf die Spur zu kommen und in ausgezeichneter Weise mit der fortschreitenden Enträtselung Wachstumsschübe im Verstehen zu erleben. Es wird der erste Rationalitätsdurst gelöscht. Doch allein Platons „Werk“ als vielbändiger Hintergrund lässt bezüglich einer bloßen Rückvergewisserung  schon abwinken, von einer Weiterverfolgung in der Rezeptionsgeschichte ganz zu schweigen. Wer sollte für Filigranarbeit am Höhlengleichnis solche Bürde auf sich nehmen? Und wer dann ein großes Interesse an Platon „Politeia“ hat, sollte ausgerechnet am Höhlengleichnis seinen ganzen Geist für die deutungsscharfe Durchdringung verschwenden? Für Schüler hegt die Textsorte Gleichnis ein, setzt philisterhaftes Wissen runter, für sie ist die immanente Auslegung vom Stand des Allgemeinwissens zureichend. In der Wissenschaft geht es um mehr, aber durch fachspezifische Aufgabenstellungen eingehegt und wiederum durch übergreifende Fragestellungen geöffnet.

 

Wer vom  Hintergrund der Philosophie Hegels her einen  Blick auf Platons Höhlengleichnis getan hat, verfügt allerdings über einen anderen analytischen Zugriff und kennt vergleichbares Zermartern im Aufspüren von Bedeutungen und Entschlüsselungen, weiß um mutmaßliche  Hintergrundanbindung, um textliche Neuformulierungen, um nichtige Kleinigkeiten und Fehlerkulanz, um aufzulösende Geltungsprobleme, welcher Lesart in einem Ungefähr der Vorzug einzuräumen ist, einem bedeutungsverlorenen und bloß suggestiven Wortgeklapper entgegen. Entscheidungen sind zu treffen, die zu respektieren sind, wenn sie denn das Entschiedene der Kenntlichkeit aussetzen und nicht wie Schmuggelware verstecken. Hegel ist, was den durchdachten Kosmos des Wissens angeht, das letzte bisher erreichte Unikat einer Personalunion und sollte ernst genommen werden. Wie – davon später.

 

Taureck hat  Entscheidungen in der Deutung gefällt, am Ende auch Zweifel vermerkt, die dann unzutreffende kritische Punktierungen in ein anderes Licht heben, jener Einsicht gemäß, mögen die Folgesätze auch formell der Richtigkeit nicht entbehren, sie könnten inhaltlich in die Irre führen oder  in eine Schieflage, stimmen die Vordersätze nicht. Wahr ist aber auch, dass Fehlerhaftigkeit, wenn sie denn, hier vom Leser, erkannt ist, hilfreich und bei aller Kritik geradezu produktiv und bereichernd sein kann. Selbst altphilologische Einspielungen sind in der Erklärungsweise konstruktiv. Taurecks engagierte Interpretation kann in ausgezeichneter Weise für eine produktive Auseinandersetzung genutzt werden. Er bietet sich geradezu für eine Auseinandersetzung mit Gewinn an, sind erst einmal archimedische Angelpunkte neu erkannt und gewusst.  Allerdings: Mehr als ein Pointieren des Mangels, des Unzutreffenden oder Abwegigen in der Interpretation des Höhlengefängnisgleichnisses kann  hier nicht geleistet werden.

 

Erstens: Zu Beginn bleibt festzustellen, dass Taureck sich nicht gefragt und selber aufgeklärt   hat, was Bildungsmangel in der Höhle und der Erwerb der vollen Bildung im Freien ist, wie finster die sprachlose Instinktwelt ist und wie hell und licht die Welt der Bildung das Flüchtige bloßer Gewärtigung zu einer weltaufschließenden Wahrnehmung der Sprachkristalle hervortreten lässt und schärft, von der Entwicklung der Bildungswirklichkeit nicht mehr zu reden, deren geschichtliche Treppenstufen mitzusehen sind. Wesentlich: Die deutsche Sprachkultur hat es nicht so mit dem Präsens des Gewärtigens drauf, mit der sprachlosen Bilderflucht, denn was sinnliche Wahrnehmung heißt, ist schon über die Gegenwart hinaus und hat sie mit dem Perfekt beendet. So ist nicht die Wirklichkeit der ersten Lebensjahre. Auch heute gibt es noch viele Menschen in prekären Lebensverhältnissen, die in ihrem Erleben nicht über das Fortlaufen einer „ewigen Gegenwart“ hinaus sind.

 

Zweitens: Taureck kann nicht die Fesselung an Schenkeln und Hals auflösen, findet die Verbindungslinie zu Sexualität und Ehrgeiz nicht, von Platon wahrlich nicht spärlich bis in die Klasse der „Wächter“ hinein reflektiert. „Kein Mensch vermag dauerhaft an Schenkeln und Hals gefesselt zu leben“, so Taureck. In der Tat wächst „Schenkellust“ und regt sich immer wieder die Auferstehung des Fleisches, ebenso junger „Trotz“, bekannt mit noch größerem „Starrsinn“ im  höheren Alter, beides große Probleme der Lebenswelt in der Polis (Phaidon, 33. Kapitel, sozusagen das „kleine  Höhlengleichnis“).

 

Drittens: Schattenspiele an der Höhlenwand erkennt Taureck auch nicht lebenskundig wieder. Jede Nacht höre er kleinen Kindern zu, wie sie träumen und im Schlaf sprechen, was sie tagsüber nur flüchtig sehen und nicht festhalten, noch nicht festzuhalten vermögen, sondern dass sie erst dahingebracht werden müssen, Bestimmtes aus dem Tagesleben sprachlich zu erinnern, was sie denn erlebt haben und  von daher aus heutiger Sicht für die „erste“ Umwendung schulfähig gemacht werden müssen, um „elementare Dinge zu kennen und wiedergeben zu können“.

 

Viertens: Dass die „periagoge“  keine Metapher ist, belegt reell der Eintritt in die Schule, bei den Griechen der Antike, ob der Schüler  denn einen Lehrer findet oder ob er von einem Weisheitslehrer begehrt wird! Wie  schmerzlich die „Umdrehung“, die „Umwendung“ körperlich und nicht nur seelisch ausfallen konnte, muss wohl als Päderastie im Unterschied zum „pädagogischen Eros“ nicht mehr erklärt werden. Einfach ein unreflektiertes Fossil die Behauptung: „Paideia als Weg des Schmerzes“. Die Einschulungsfreude der Kleinen vermittelt ein anderes Bild. Schwarze Pädagogik ist ein anderes Feld.

 

Fünftens: Dass der Blick in die Sonne die Augen verderben kann, ist Gemeingut, ebenso, wenn gnadenlos der „Nürnberger Trichter“ unbarmherzig den jungen Geist traktiert. Im Nichtbegreifen angesichts solcher Tortur ist „geistesgestört“ oder sind „psychische Störungen“ diagnostisch fehlgeleitete, einfach abwegige Erklärungsversuche. Taureck bleibt in der Auslegungsweise zu sehr der Buchstabenwelt verhaftet und Wissen aus der eigenen erlebten Kindheit tut sich als Leerstelle auf, sei es, was die geliebten Bilder des Schattenreichs im Kontrast zu den Bauchschmerzen verursachenden Schulaufgaben angeht. Auch Theaterstücke und religiöse Feste im alten Griechenland haben verführerisch gewirkt, was Glotze und Sofa heute ist, von sexueller Ausgelassenheit und Mänadenschwärmen nicht zu reden, um auf Karneval und Partys heute zu kommen, ebenso auch vom olympischen Wettbewerbsgeist des körperlichen Sich-Beweisen ergriffen und ehrgeizig zu Übungsspielen verlockt und getrieben, heute genauso dem Hype hinterher,   hochgemut bis siegesbesessen auf Lorbeeren, Starbelohnungen und Machtsteigerung hinaus.

 

Sechstens: Das Zauberwort „Aufklärung“ wird in der Gattungsbedeutung eingespielt, jedoch ohne die kollektive und weltbeauftragte „Lehrerin“ zu benennen, die den „Geist des Christentums“ zur allgemeinen Innenwelt der Menschen eingebläut hat und Voraussetzung gewesen ist, um „aufgeklärt“ werden zu können. Auch hier ist noch einmal die „psychische Störung“, die Gefangene erleiden, zu vermerken. Ein Leid, das den Gefangenen, unterbelichtet, geistig angetan wird, von der Lehrerin Religion, die Höllenqualen zum sogenannten Besten der Menschen auszumalen versteht, um dem Trotz und den Leidenschaften gegenzusteuern. Hier wäre in der Tat eine Reflexion auf den sogenannten „genius malignus“ (Descartes) angebracht, der theologisch, pädagogisch und demagogisch aufgefunden werden kann. Die Geschichte des Dritten Reiches lässt an Verdeutlichung nichts zu wünschen übrig, was den vergöttlichten Führer, die ertüchtigende Real- und Wehrerziehung und die Sieg-Heil-Propaganda wie künstlerische Selbststilisierung angeht. Taurecks Rückfall im Brückenschlag zu „Nietzsches kalkulierte Metaphorik“ liest sich euphemistisch, zarathustrisch,  macht aus der Blut-und-Boden-Politik die „Wendung sich der Erde opfern.“ Antipodisch zielend auf „einen menschenfeindlichen Restbestand des Christentums“ und Zarathustra, der gegen alle Grundwerte der deutschen Nachkriegsverfassung steht, als Liebender des Menschen. Solche Lesart, bei aller Offenheit für Ikonologie, ist unterirdisch.

 

Siebtens: Platons Höhlengleichnis hat als Vermächtnis im Kontext der „Politeia“ den „Philosophenkönig“ aufgegeben, der auf Aristoteles als Paidagogos Alexanders d. Gr. nachfragen lässt, aber nicht auf Platon selbst, der sich als Ratgeber des Tyrannen Dionys versucht hat und gescheitert ist.  Platons großes Werk „Gesetze“ trägt der Selbsterfahrung  Rechnung, relativiert den Entwurf der „Politeia“.  Was die europäische Geschichte angeht,  vollzieht diese sich als Dual einer religiösen Innenweltgewinnung durch christliche Missionierung  wie auch einer gesteigerten Außenweltbemächtigung durch Gebilde von Herrschaft als Herrengeschichte. Sozusagen eine gedoppelte „Kerkerverwaltung“ mit Spitzenpersonal hat sich ausgebildet: Kaiser und Papst. Die Knechtsgeschichte, ob als Knecht Gottes oder der Herrschenden, schreibt sich als Unterhaltsleistung durch Knechtsarbeit fort. Maschinenarbeit lässt Knechte träumen und Herren auf der Spielwiese vorrangig Kriegsspielzeug erfinden.  Der naturwissenschaftlich-technische Teil zwecks agrarwirtschaftlicher Lebensmeisterung ist Platon fremd.

 

Achtens: Ich mache einen Sprung zur amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und Französischen Revolution. Eine Revolution, die den König von Gottes Gnaden köpft und die Herrschaft des Volkes ausruft und gegen Gespenstermächte des Aberglaubens und Konterrevolution unumkehrbar macht. Hehre Gründungsurkunden hier und der Menschenrechtserklärung da, doch das Licht der Breitenbildung ist schwach. Schärfer: Die bildungsmäßige Öffnung des Höhlenausgangs ist noch grottenschlecht und wird in der universellen Relevanz wie auch in der verwickelten Streulage von Höhlen gar nicht erfasst. Volksbildung wie Menschheitsbildung als Dünnpfiff. Was bei Taureck Sozialisation und Gesellschaft heißt, das muss wohl vom kollektiven Biotop her ohne Sichtweise auf die Staatenwelt gelesen werden. Taureck bleibt in der Interpretation unterschwellig elementarem Staatsdenken verhaftet.

 

Neuntens: Ein großes Defizit in der Interpretation tut sich in Bezug auf die Befreiungsstufen der Spiegelungen und der Dinge selbst auf. Vermutlich ist Taureck einer falschen Weichenstellung aufgesessen, die im Rückbezug auf Blondel und Ferguson für bare Münze genommen worden ist. So erklärt sich wohl die hanebüchene Aussage: „Die Spiegelbilder entsprechen den mathematischen Gegenständen." Was für ein Gedankensprung! Hier spielt selbst das Liniengleichnis nicht mehr mit. Aber vielleicht hat hier die Geometrie mit den axialen und lateralen Spiegelungsweisen dem Interpreten einen Streich gespielt. Mit Blick auf Blondel fällt eine prinzipielle Schwäche der Interpretation überhaupt auf. Sie verfährt in der Auslegungsweise hybrid, bleibt nicht im Gleichnis immanent, sondern greift oktopushaft auf so viele Gegenstände von Interesse zurück, die reiche Ernte versprechen, aber nichts Halbes und Ganzes einspielen. Das Framing, hier der Bezugspunkt und die Rahmensetzung, überfordert in der Vielheit und bringt keinen Kniefall der Bewunderung für Vielgescheitheit ein: ontologisch, erkenntnistheoretisch, pädagogisch, politologisch, ikonologisch, altphilologisch, historisch. Bei solcher Gemengelage kann nur die Schlüssigkeit und inhaltliche Nachvollziehbarkeit leiden, ja, es findet Kurzschlüssigkeit im Zugriff auf die Sonne beziehungsweise Idee des Guten statt, die, nun wieder mit einem Volltreffer, als das Denkvermögen und Denken selbst „hervorgezaubert“ wird. Es hat Hegel Taureck leider weder von der Gestalt des Bewusstseins  in der „Phänomenologie“ noch von der ausgezeichneten Politeia-Interpretation aus  den „Vorlesungen über Platon“  (hrsg. Von J.-L Vieillard-Baron  inspirieren können, denn das hätte auf die Morgenröte wie  auch auf den Untergang der Abendsonne blicken lassen.

 

Zehntens: Weltkriege sind gewesen, europäische Weltreiche, welche die ganze Welt mit neuer Bewusstwerdung angesteckt haben, sind untergegangen. Der Verfassungsstaat, demokratische Spielregel und menschenrechtlicher Maßstab sind in Serie gegangen. Jedoch das Große und Ganze ist unübersichtlich geworden. Das philosophische Wissen, wie es durch alle und für alle gewusst wird, ist nicht mitgewachsen. Eine Reizüberflutung an vielerlei Verstandeswissen ist eingetreten, hat Menschen für das Wesentliche erblinden lassen. Wie kann das Höhlengleichnis in der Auseinandersetzung von Kapitalinteressen und Sozialinteressen, von planetarischen Lebensbedingungen und Machtinteressen  noch hilfreich sein?

 

Elftens: Taureck bietet zwei durchaus beachtliche Positionen für die weitere Abklärung ihrer Relevanz an. In wirtschaftlicher Hinsicht einen pragmatischen Kapitalismus, der über den Markt alle Menschen und Völker in ihren Möglichkeiten monetär beteiligt und das „Gute“ durch das „Bessere“ überholt: Meliorismus, wie sich das die Wirtschaftsführer zu ihrer Unangefochtenheit so denken. In gesellschaftlicher Hinsicht greift Taureck den pädagogischen Gedanken Hoffmanns auf und bringt den Idealismus ins Spiel. Es geht um den gesellschaftlichen Fall, der da ist und anzueignen ist, zu klären ist, ob Abhilfe gemeinsam sein kann und schließlich die moralische Verpflichtung all jener, denen die herausfordernde Einsicht fürs Tun geworden ist, sich dem gesellschaftlichen Befreiungswerk zu widmen. Die Aufgabe liest sich wie Rede (Logos) vom Vorhaben  und Werk (Ergon) des Hervorzubringenden und einem Sich-Verlieren in hohen Gedanken, bodenlos, anknüpfungslos. Sozusagen: Worte, nur Worte und keine Taten. Und  das Vage, Buntscheckige und Unsortierte des Ikonologischen als Abhilfe? Nichts gegen das Unbegriffliche der Ikonologie, doch dann näher zum Dreischritt der Einteilung Hegels orientiert. Symbolisch: Phase des Suchens, Gärens, Vergleichens und Komponierens, aber noch nicht die Sache selbst erfasst. Klassisch: Phase des Erfassten und Eingespielten, die Vorhaben und Werk reell hervorbringt, immer wieder, über sich hinaus, Maße sprengend, Übersicht verlierend. Romantisch: Phase des Überschreitens des Bestandes und des Erkennens  auf notwendiges und mögliches Fortschrittsbewusstsein der Neuordnung hinaus. So der Kreislauf beziehungsweise die Wiederkehr des Gleichen.

 

Zwölftens: Vom geschichtlichen Hintergrund her endet Taurecks Klimmzug beim demokratisch verfassten Staatswesen, innenpolitisch in der Argumentation nachzuvollziehen, außenpolitisch, international wie global, gänzlich unbedarft. Selbst Kant gerät ihm zum ikonologisch-transzendentalen Rückfall einer Grenzziehung, der ihn den fortgeschrittenen Wissenstand unterlaufen und gegenstandslos das metaphorische Gären draufsatteln lässt. Taurecks Argumentation passt affirmativ in die medial-digitale Landschaft der Bildlichkeit der Außensteuerungen, die hinter der Theaterkulisse Akteure die Fäden der Algorithmen ziehen lässt. Hegels Ding-an-sich-Kritik ist wohl an Taureck spurlos vorübergegangen. Ihm ist bezüglich des absoluten Subjekt-Objekt-Projekt-Denkens kein Licht über den Staat hinaus aufgegangen. Ungebrochen die anthropozänische Einseitigkeit, herrisch gegenüber den natürlichen Lebensgrundlagen, bar eines kategorialen Tertium Comparationis als Vermittlungsgröße. Schon Platon fehlte die Meta-Ebene des Denkens für die übergreifende Einheit der griechischen Stadtstaaten. Hegel ist mit dem Abstraktum Weltgeist unbestimmt bzw.  nebulös geworden, hat sich kosmopolitischer Vorstellungsfantasien enthalten, doch hat er dafür umso stärker auf die Verwirklichung des vernunftgeleiteten Staates abgehoben, als die neue Herausforderung in seiner Zeit, ihn durch und durch zu gestalten. Dieser universelle Baustein steht, hat mit der Dekolonialisierung weltweite Karriere gemacht. Mit Blick auf Hans Jonas habe ich das Höhlengleichnis in Form einer modernen Sphärentheorie über die Staatshöhle hinaus skizzenhaft fortgeführt und erkenntnistheoretische Herausforderungen greifbarer Gegenstände in globaler Bedeutung für selbststimmiges Subjektdenken punktiert.

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