Bruno Latour
Vom Parlament der Dinge zum Höhlengleichnis
Er ist einer, von Platons Höhlenmythos angetan, der das „Parlament der Dinge“ für Weichenstellung ins Werk gesetzt hat. Neuaufstellung des wissenschaftsphilosophischen Kopfes ist gefragt, neuzeitlich von Newton, Kant und Hegel her, die der Natur die Relevanz im Kosmos des Wissens bis hin zu Bruno Latour und seiner „ökopolitischen Dreiheit des Ganzen der Teile für Erkennen, Wollen und Handeln bereitet haben. Es geht um großen Reformbedarf, gegen die herkömmlich überkommene Verfassung der parlamentarischen Demokratie, ihrem vorherrschaftlich ökonomischen Weltverständnis und einer anthropozänen Politik entgegen, bloß orientiert am Menschen und der Welt. Der Mensch als das Subjekt, die Welt als das buntscheckig verstandene Wohngehäuse und zugleich als Lebensbedingung des planetarischen Erdganzen fungierend, hybrid, noch nicht als Schnittmenge und Vermittlungsgestalt vom Menschen her, weltvermittelt, zur Natur hin und umgekehrt gesehen, letztere als Mutter Natur mit ihrem menschlichen Geschöpf von nicht geringerer Bedeutung für das Erkennen, Wollen und Handeln in Bezug auf den triadischen Zusammenhang von Natur – Logos – Mensch aufgefasst. Vorstellungsgemäß geht es um die drei Kreise in einem.
Im gewissen Sinne leistet Bruno Latour eine Kritik am statthabenden Vernunftverhalten, das in der Politik die gleichberechtigte Dimension der Forderungen aus den kritischen Objekten der Natur nicht im kontroversen Ringen um eine parlamentarisch rechtliche Neupositionierung einbezieht, Menschenwürde zuhöchst wertet und den Einklang mit der Natur nicht korrelativ vermittelt kennt, sondern die sie durchgreifende und umfangende für die neue Gesetzeslage außen vor belässt und sogar offensichtlich benachteiligt, der Misshandlung aussetzt. Anders ausgedrückt, der von Platon intendierte Philosophenkönig lässt die Naturkundigen mit ihrem Wissen für die Polis und ihre Stände für weise Entscheidungen und Neuausrichtungen nicht an sich heran, lässt sie reden und reden oder ignoriert sie einfach, denkt stattdessen als Sonne seiner Polis in den Bahnen der kriegerischen Poleis-Welt weiter. In dieser Weise sehen wir heute auch die Staatslenker am Werk in der Staatenwelt der kleineren, mittleren und großen Staaten. Jeder für sich, vielleicht auch noch in engeren Beziehungen zu anderen. Im Wesentlichen jedoch regiert die Selbstbehauptung, nicht die Friedensidee der Olympiaden, die Vision einer befriedeten Welt des Wettstreits. Kein Mangel an stummer Symbolik, überlagert von Geschäftstüchtigkeit im Weltmaßstab. Elementargewalten damals lagen damals unberechenbar im Rücken als in Überlieferungen bekannte Naturgötter, heute dagegen spielt Naturwissenschaft vorhersehbare Naturereignisse berechenbar ein und setzt abwehrende oder beförderliche Maßnahmen frei, um auf guten Fuß und beschwerdefrei mit der Natur im Einklang zu leben.
Nach zweieinhalb Jahrtausend ist der Krieg noch nicht überwunden, sondern hat Weltkriegsdimensionen angenommen. Es existiert keine einheitliche Weltverfassung des Rechts für das vernünftige Ganze der Teile als rational geordnete Naturwelt und rational geordnete Menschenwelt, verhältnisgemäß auf Übereinstimmung durch die Wissenschaftswelt für weltpolitische Umsetzung erkannt, gewollt und gehandelt. Diese Diktion einer Neuordnung kann auch Bruno Latour für sein Parlament der Dinge unterstellt werden, den beiden Kammern, einerseits der naturbezogenen Dinge mit menschlichem und technischem Anteil und andererseits der menschlichen Dinge mit natürlichem und technischem Anteil, ein Entwicklungsverhältnis von primitiven Anfängen der Dinge an, heute, im planetarischen Zeitalter, objektbezügliche Komplexe der Natur und subjektbezügliche Komplexe der Menschenwelt, die Abstimmung und harmonisches Zusammenspiel einer Welt im Gleichgewicht herausfordern, um all das in Übereinstimmung zu halten. Von Descartes inspiriert, sieht er den Philosophenkönig Platons als Weltregenten, der mit seinem Stab die Leistung zu vollbringen vermag, die Brücke für Vermittlung zu bilden, und zwar mit der Naturwissenschaft (res extensa) und Humanwissenschaft (res cogitans) als Schnittmenge, um die Ökopolitik der Welt zu vollbringen.
Vieles in präglobaler Lebenswirklichkeit war noch nicht notwendigerweise in allen Teilen des Ganzen wissenschaftsbedürftig, doch heute ohne wissenschaftsbasierte Überschau, was Zusammenhänge, Einsichten und Abhängigkeiten voneinander angeht, wäre Sichtfahrthandeln einfach gemeingefährlich, ob kollateral, nicht nur tödlich und zerstörerisch, ebenso auch durch vielerlei Mitleidenschaften und Schadenfraß in langfristige Lebensbedingungen hinein. Ein besonderes Defizit geht von den Naturwissenschaften aus, die sich teils überaus erfolgreich in einem Siegeszug glanzvoller Leistungen von Entdeckungen und Erfindungen sonnen, dann aber andernteils wie bei Medikamenten pausenlos von Nebenfolgen eingeholt werden. Die naturwissenschaftliche Gesamtlage, welcher der Mensch mehr oder weniger blind aufsitzt, ist im Sinne der Wissensverwaltung unübersichtlich geworden und kann ohne digitale Abspeicherung aller naturwissenschaftlichen Disziplinen in den Daten und Fakten und weiteren Relevanzen, systemisch durchdacht, nicht mehr sinnvoll bewältigt werden. Die Welt bewegt sich dergestalt auf einen Abgrund zu. Hier ist Latours Nerv und Impetus anzusetzen, was ihm mit Ereignissen in der Zeit wie Asbest und BSE; Kupferabbau und Klimawandel als Relevanzdefizit aufgefallen ist und ihn für ein grundlegend neues Verständnis von Wissenschaft und Politik aktiviert hat.
Die Himmelskunde der Jahreszeiten oder die schriftliche Buchführung der Wirtschaftsrationalität oder die digitale Umrüstung, weg von Aktenordnern, Lochstreifen, Magnetbändern und selbst Computervernetzungen reichen nicht mehr aus, um den Rationalitätsbedarf abzudecken. Latour hat’s noch komplexer und anspruchsvoller vor und die Zeitmaßstäbe dafür verloren. Es fragt sich, ob die Beschleunigung durch Investitionen in neue Technologien und das Tempo der generativen Umstellung bei Menschen in Bezug auf Mentalitäten, Gewohnheiten und Dauer des Umlernens die sach- und menschengerechte Beherrschbarkeit und Akzeptanz in Bezug aufeinander kompatibel sind, um in Übereinstimmung den Anforderungen der neuen objektiven und subjektiven Herausforderungen genügen und den davoneilenden Risikosteigerungen nachkommen zu können. In den Untergang sich zu manövrieren passiert schneller Schlag auf Schlag, als sich dem Übergang zu neuen Ufern und Auen zu stellen, sich die Mühseligkeit zuzumuten, Augenblicke auszukosten und nicht durch verklärten Rückblick und sich steigernden Unwillen nach vorn die Dinge zu verpatzen. Es sind so viele, die in Erwartung von Futterkrippen die kleinen Anknüpfungserfolge, Schritt für Schritt weiter, nicht zu schätzen wissen und inkonsequent durch Hin und Her vom Regen in die Traufe kommen. Latour hat einen systematischen Aufriss geleistet, bewundernswert in vielen Einsichten, aber wesentlich als Fortschrittsprojekt zu veranschlagen, an dem viele Generationen von Studierenden und Lehrenden sich von Etappe zu Etappe voranzuarbeiten haben, um durch Forschung, Lehre, Anwendung beziehungsweise von Theorie und Praxis und Produktivität in der Breite die Wissensbedingungen für eine politische Weltökologie zu erfüllen. In wohlbedachter Perspektive ist immer noch Platz, auch für unmittelbar Notwendiges. Erfordernisse der Ausbalancierung bedeuten auch Umverteilung für den Weg der Mitte.
Ein Vergleich mit Hegels Phänomenologie sei erlaubt. Auch heute noch ein Buch mit sieben Siegeln. Diese Schwerverständlichkeit durch die Dichte, die hohe Gedanklichkeit und polyhistorische Gelehrsamkeit wie auch die ausgefeilte Systembildung weist Latours Werk „Parlament der Dinge“ mit einigen vagen Kunstwörtern, unorthodoxer Methodik und der französischen Lesart für Feinheiten nicht solche hermetische Verschlossenheit auf, sondern durch das aus visionärem Vorhaben entspringende allumfassende Arbeitsprogramm für die Köpfe der Welt, intelligibel als einheitsbewegtes Ganzes der Teile in Wahrheit und Vernunft gefordert, den wissenschaftlichen Schulterschluss. Hegels systematische Weltphilosophie ist nach wie vor von hoher integrativer und naturphilosophischer Orientierungskraft, aber er passt im geschichtlichen Gewand seiner Zeit nicht mehr so recht in die heutigen zeitlichen Konditionen der Studienlage und weist antiquarisch-akademische Reflexionsmühlen auf, exegetisch nicht zeitnah und viel Spreu, extravagante Wissenszumutungen, die den Anschluss an das Zeitinteresse und an belebendem Erkenntnisgewinn verloren haben. Mit Latour verhält es sich umgekehrt. Er mutet dem Denken auch einige Anfangsschwierigkeiten zu, die sukzessive allerdings durch den Erkenntnisgewinn der heutigen Problemlagen zum Ansporn einer systemischen und weltorientierenden Großlandschaft werden.
Was Latour für den belohnenden Erkenntnisgewinn in gewisser Weise heikel macht, besteht darin, dass er keine sogenannte Bettlektüre ist, sondern zur schrittweisen Aneignung herausfordert. Er mutet die Einlassung auf Unterbrechungen und intervallweise hochkonzentrative Denkarbeit zu, bevor sich das Zufriedenheitsgefühl einstellt, Unverstandenes endlich verstanden zu haben. Also Latours Werk ohne gemeinverständliche Kurzwiedergabe des Wesentlichen nicht gerade eine leichte Kost, aber er hat das Zeitinteresse in den Wichtigkeiten vieler Aussagen auf seiner Seite. Er weiß um Fallen der Verlegenheitslösungen, mit der ein Monster erfolgreich bekämpft und ein schlafender Monster geweckt wird, weiß um Gentlemen’s Agreement, das nicht funktionieren kann, sich im Wechselwirkungsmechanismus verlierend, wenn Kräfte der Anziehung und Abstoßung einerseits und die der anderen Seite für korrelative Passung nicht aufeinander verträglich abgestimmt werden. Latour versteht sich auf akribische und sublime Einsichten, die Aufforderungscharakter haben, setzt Pflöcke, prägnante Sentenzen, die Fortschritt festhalten und voranbringen und nicht weniger dazu auffordern, mit kontraproduktiven Gewohnheiten und Mechanismen brechen zu müssen.
Der Adressat seiner Exponierung ist vor allen Dingen die Wissenschaft in ihrem Verständnis für das Lebens selbst. Er spricht Wahrheiten im subjektiven Verhaltensmodus aus, die zum Stil im alltäglichen Verhalten gehören und interessenbedingt Fehlverhalten provozieren. Er weckt Wissenshunger: Einzelne auf sich gestellt, die überfordert sind und es nicht vermögen, ohne Aufklärer und Lehrer uns Menschen gleichen Geistes eben Latours Lichtung in ein Gemeingut zu verwandeln. Es muss dem Geist der Welt durch Fingerzeige für Aufmerksamkeit nachgeholfen werden. Durch Hinweise auf ökologische Übelstände oder Niederlagen und Ereignisse der sogenannten siegreichen Objekte der Technologien. Das Aufschrecken über ihre Nebenfolgen bringen Rückmeldungen über vermeintlich segensreiche Auflassungen und Eingriffe in den Komplex der Lebensbedingungen ins Spiel, die eher nach der Politik rufen lassen, dem Übel beizukommen. An dieser Stelle ist Latours Anknüpfung an das Höhlengleichnis ein wichtiger Hinweis, aber auch paradoxerweise für die mangelhafte Textwahrnehmung en detail zu kritisieren, insofern die Chance für die jungen Generationen verpasst wird, weltweit über das Höhlengleichnis in der Schul- und Jugendbildung eine korrigierte Lesart für die von Wissenschaft getragene Lebenswelt aller Menschen wachzurufen, die noch für nachzuleistende Punkte einer konstruktiven Neuwahrnehmung bildungsrelevant ist.
Die große These, der zuzustimmen ist: „Wir leben noch unter der Herrschaft des Höhlenmythos.“ (S. 47) Wer das Höhlengleichnis im Sinne einer Erkenntnistheorie liest, müsste zustimmen. Es hängt dies mit der zweifachen Brüchigkeit zusammen, auf die Latour das Höhlengleichnis erkennt, und zwar mit den Unbelehrbaren in der Höhle, die nicht wissen, wieso und zu welchem Zweck sie in der Höhle sind, in der alles fremd ist, die das grelle, schmerzhafte Licht abschreckt, das Gewaltsame des Verschlepptwerdens nicht weniger oder jene, die den Gang ins Freie auf sich zu nehmen, dem kundgetanen Versprechen Entrückter oder gar Verrückter wie auch Verführern im Hinblick auf erlebenswerte Freiheit Glauben schenken. Die Wiederholung der Umwendung ist mit einem Abstoßungsreflex der grellen Licht- und Gewalterfahrung besetzt. Im Kontrast dazu der Befreite als Rückkehrer. Nun sozusagen konfrontativ, mit seinem neuen und anderen Erleben der Brüchigkeit, dem Scheitern, andere zur Umwendung zu bewegen. Höhlenbewohner in Reaktion auf den unbesonnenen Rückkehrer: Bevor dieser, der nicht bei Sinnen ist, alle ins Unglück reißt, ist er mundtot zu machen, wenn nicht gar zu töten. Latour hat diese Grunderfahrungen des Scheiterns nicht transferiert, den Vergleich zur Schulerfahrung nicht gesucht, was das Hinein und Hinaus bedeuten, verkennt die Ebene höher, die des anderen Komplexes mit anderen Akteuren und Gefangenen. Es geht um das widerstreitende Schulwesen differenter Länder, die je für sich agieren, wenig verständigungsbereit, sich einander zugunsten des Gemeinsamen zu nähern und vom Trennenden zu lassen, sich verträglich anzugleichen und nicht toxisch gegeneinander die Dinge der Selbstbehauptung bis hin zur Ablehnung und Verfeindung von Mal zu Mal wirken zu lassen. Zu sehr idealisiert Latour die demokratische „Agora“, die, um es kurz zu machen, doch auch Belehrende und Unbelehrbare kennt, diejenigen, die demagogisch Macht behalten wollen oder jene, die sie mit Engelszungen erwerben wollen. Latour übersieht auch den Kampf zeitgeschichtlicher Ideologien um den Weltanspruch, begreift nicht die Horizontsteigerungen zu höheren Warten der Wahrnehmung aus dem Höhlengleichnis, Stufe um Stufe, aufwärts zur Sonne. Sicherlich ein allgemeines Versagen der Exegeten. Auch das Parlamentarische bei Latour konnotiert zu sehr den Nationalstaat mit kleinem Himmelsfenster, nebenan, unbeachtet, Nachbarhöhlen mit vergleichbaren Himmelsfenstern und der übergreifenden Sternenwelt einer Weltregion wie zur Zeit der Stadtstaaten Platons.
Dass blinde Befreiungsversuche ein Ende finden, die immer wieder an differenten Einflüssen scheitern, bedingt durch erinnerungsschwache Höhlengefangenschaft oder verstandesscharfe Horizontverhaftungen, eben was fortschreitend Zufälligkeit und Regelhaftigkeit, Unbildung und Bildung, Unwissen und Wissen, Verstand und Vernunft aufhebt, schlussendlich durch und für Erkennen und Wollen zur ganzheitlichen Übereinstimmung der generativen Teile in Wahrheit, dergestalt mit Rückkehr in die Höhle für den erneuten Kreislauf vollendet, ist Platons Anliegen mit dem Höhlengleichnis. Wie in einer Nuss-Schale: Der Nukleus unserer werdenden Menschenwelt. Und die Willkür der Auslegung hat bis heute ganzheitsverloren nicht abgenommen, dass Platon grundlegend für das pädagogische Bildungsmodell einwirbt, das Nadelöhr zur Anteilhabe und Anteilnahme an der zweiten Natur des Menschen, von Kindheit an jungen Menschen die Freiheitswelt aufzuschließen. Und es ist zu behaupten, dass der Schulweg in die Freiheitswelt gute wie schlechte Lernergebnisse zu verzeichnen hat. Wo es böse ausgeschlagen hat, waren wohl die libidinösen Beziehungen zu schwach beziehungsweise die pädagogische Liebe zu Menschenkindern missraten. Dass die epochemachende Umlenkung (Periagoge) den doppeldeutigen pädagogischen Eros wie auch den sexuellen Missbrauch bis heute abgespalten hat, ist ebenso drastischer Kritik zu unterziehen wie der Tatbestand, dass die Höhlengleichnis-Philosophie, den Lebensanfang mit Geburt, Mutter, Kind auslässt und die Periagoge als Geburt des Philosophenkindes unter Männerobhut versteht. Latour sieht Platons pädagogischen Leitgedanken für die Erkenntnistheorie im Leben der Polis fürs verständige und funktionierende Zusammenspiel nicht, greift einen neuzeitlichen Wahrnehmungshorizont auf, heute für die Erwachsenenwelt medial vermittelt, wo tatsächlich unbelehrbar medial durchwachsene Gerüchtepost und vom hohen Ross Belehrende, weniger Verstehende und Einwerbende im Hin und Her und Schein ihrer Wahrheit auftreten und die Dinge der Öffentlichkeit, der Republik, für eine vernünftig politische Bewusstseinsorientierung aus dem Ruder laufen und, ja, dem Allerlei von Geschäftstüchtigen, Ehrgeizigen, Dingdrehern, Empörten und Wütenden in die buntscheckigen Arme arbeiten. Mediale Außensteuerung bringt nicht zusammen, bildungsbeflissene Innensteuerung irrt umher. Auf welcher Stufe klappt das Einstimmige im Unterschied weltweit im Wesentlichen? Zweifelsohne erlegen Kriegsgefahr und Krieg Opfer und Verhaltenszwänge auf, aber um welchen Preis nicht mehr!? Wie sieht es mit Friedensverheißung und eingekehrtem Frieden aus, welcher Preis ist für das Leben unabdingbar und einvernehmlich einzulösen? Platon hat mit dem kriegstüchtigem Ideal der Kalokagathia keine zureichende Antwort auf gute Nachbarschaft von Stadtstaaten gegeben, wie er sich auch nicht durch ins Leben eingreifenden Naturereignisse herausgefordert gewusst hat, sondern in seiner Zeit wesentlich durch die Gefährdung der Polis überhaupt im kriegerischen Umfeld von Selbstzerfleischung – und vielleicht Beutehunger auf neue Feldarbeiter.
Latours Absage an den Höhlenmythos, welcher in die Irre führt, macht sich nicht am tradierten Krieg als Vater aller Dinge fest, sondern an der Missachtung der Natur, die in Platons Höhlengleichnis keinen Eingang gefunden hat und uns zweieinhalb Jahrtausende zu Anthropozänen gemacht hat, welche anthropomorph die Erde befallen haben und die wie Lemminge einer falschen Leitidee folgen, nicht nur titanische Gaia-Urkräfte entfesseln, sondern die uns auch kriegerisch ins Ende aller Dinge zu stürzen vermögen. Die nukleare Gefahr ist erkannt, aber der Wahnsinn von Unberechenbarkeit in der Sache wie Personen ist bei weitem noch nicht, in welchem Modus auch immer, einer Beherrschbarkeit oder Berechenbarkeit, Kontrolle oder Abrüstung zugeführt, dem partiellen oder totalen Selbstmord der Menschheitsteile entgegen. Platons Fehlleistung hinsichtlich einer nicht sonderlich exponierten Friedensidee für die Welt der Stadtstaaten ist erkannt und spiegelt sich heute in staatlichen Großgebilden wider, die nur bedingt, vom Wechselfall bedroht, Hoffnung auf Weltbefriedung machen können. Eben widersprüchlich Gefährdete, als es im Widerstreit, in der Rivalität darum geht, nach welcher Seite der Macht mit welcher gelebten Friedensvorstellung, die gegeneinander Agierenden mit Vorteilen und Nachteilen auf die Staatenwelt Einfluss mit mehr oder minder großem Erfolg zu nehmen suchen, um je für sich die Entscheidung herbeizuführen! Den Exponenten des Widerstreits haftet die Selbstüberforderung für das Ganze an, von der Kräfteüberforderung bedroht oder von einer Welt, gänzlich im blinden Überlebenskampf mit unbestimmten Ausgang. Wegweisende Vermittlungskraft in Anerkennung der kompatiblen Vermögen der Widerstreitenden ist vonnöten, begleitet von einer jungen Staatenwelt, die ihre befriedende Weiterentwicklung in koexistierenden und naturgegebenen Weltregionen über einen selbsttragenden und lebenswerten Fortschritt des Zusammenschlusses suchen und finden muss, gleichförmigen Lebensgestaltungen mit überforderndem Fußabdruck der Weltregionen entgegen, um auf diese Weise den globalen Überlebensbestand der Weltgemeinschaft in Würde aller und vieler Lebenswerte zu ermöglichen.
Noch nicht erkannt ist die zugehörige naturwissenschaftliche Dimension, die sich in ihrer Weiterentwicklungsnotwendigkeit durch und für neue Horizontherausforderungen weder in Pflicht noch im Kalkül von Politik für weltgemeinschaftliche Entscheidungen gleichberechtigt in den humanwissenschaftlichen und weltwissenschaftlichen Abstimmungs- und Austarierungsprozessen untereinander einbezogen weiß. Im Wesentlichen geht es mit Blick auf die reine Naturwissenschaft als naturgesetzlich erschlossene Naturordnung um die Notwendigkeit der Etablierung neuer Disziplinen, die als angewandte den Wildwuchs an Eingriffen in die bereits orientierende und tragende Naturordnung unschädlich machen und auf neue Bestandsrationalität bringen. Die Aufgabe rückt dem technischen Erfindergeist in seinen Hervorbringungen, die er aus naturwissenschaftlichem Wissen durch technologische Nutzanwendungen gezogen hat, künftig in Bezug auf Planung, Ausführung, Prüfung auf die Pelle, zugunsten einer Verträglichkeitskontrolle für die Einpassung, um das Objekt unter dem Kriterium Segen und Fluch zu erfassen und das Ergebnis für die Ausweisung eines Basiswissens in der entsprechenden Ökodisziplin auszuweisen und für den orientierenden und ökopolitischen Gebrauch freizugeben.
Nicht nur die Produktivkräfte der Erzeugung fallen ins Gewicht, auch die ungelöste nukleare Müllentsorgung, seien es Kunststoffpartikel in den Böden mit Nahrungsmittelgefahren oder ein unverantwortlich sich steigernden Weltraumschrott. Interdisziplinäre Zusammenarbeit von Ökowissenschaften und Humanwissenschaften und Weltwissenschaften ist für den durchlässigen Prozess – from bottom to top et vice versa – um eine vernünftige Übereinstimmung notwendig, die in Wahrheit und Verantwortung ihrer Teile auf den relevanten Stufen und Ebenen bei Vernunft einer weltgemeinschaftlich digitalen Zusammenführung ist. Die Dringlichkeit ist groß, umso mehr, als blinde Überlebenstriebe – Versprechen auf Startups, Projekte und Superoperationen, Wendemanöver, ungeprüft beziehungsweise unreflektiert von jetzt auf gleich – weltinfektiös die Überlebenssubstanz befallen, erfolgsverheißend, was das Losgelassene am Ende katastrophisch zuschlagen lässt. Es geht insofern in der Wissenschaftsrevision neuwissenschaftlich um allseitige Erschlossenheit der Wissenschaftspfeiler füreinander zum Zwecke der ökopolitischen Handlungsrelevanz, als allgemeine Disponibilität: Hier nehmen und da geben und umgekehrt für Auszubalancierendes. Der mathematische Schluss orientiert das Gemeinte der erforderlichen Reversibilität für die Ermöglichung des Ausbalancierungsbedarfes mit kleinstmöglichem Nenner für Manipulierbarkeit. Das Komplizierte einfach: „Wenn zwei Dinge oder Bestimmungen einem Dritten gleich sind, so sind sie unter sich gleich.“ Hegel, TSW 6/371
Mit Blick auf das Höhlengleichnis, von Latour angestoßen, muss es um eine Revision gehen, ob die Fehlorientierung als endgültig zu bescheiden ist oder ob die Einseitigkeit in der Lesbarkeit oder im Auslegungsmodus besteht, weil das Wahrnehmungsinteresse nicht auf Dinge des naturwissenschaftlichen Vermögens hin ausgerichtet gewesen ist. Der Verfasser hier ist geständig, das Höhlengleichnis allemal vom Menschen her gelesen und interpretiert zu haben. Er weiß sich von Latour angestoßen, die Neuwahrnehmung in ergänzender Weise für den Kreis Interessierter am Höhlengleichnis einzuholen, besonders für jene aus der jungen Generation, ihnen greifbare Bezugspunkte aufzubieten, um den aufsteigenden Weltblick von der Höhle zum Himmel zu weiten beziehungsweise für eine strukturelle Neuwahrnehmung aufzuschließen. So auf die Spur gebracht, sollten Beschlagenere von den naturwissenschaftlichen Hinsichten her Erweiterung und Vertiefung bringen können. Ein Anstoß dazu könnte Archimedes mit dem Badewannenerlebnis sein. Und schon stellt sich die Frage, ob und wie er unter dem Gesichtspunkt von Segen und Fluch zu sehen ist. Besonders eingängig ist eine germanische Orientierungsfigur für das Befragen und Auffinden prägnant. Und zwar das Gewitter mit Blitz und Donner und der Gefahrenaufhebung durch den Entdeckungs- und Erfindergeist in der Neuzeit, Gewittergefahren nicht mehr mit religiösen Brauch anzugehen, sondern mit einem Blitzableiter, versehen mit einem Hinweisschild: Vorsicht, Erdableitungsdraht schon bei Gewitterschwüle nicht anfassen! Ein anderes Beispiel aus dem alten China, die das Schießpulver erfunden und ihre Erlebnisfreude mit festlichem Feuerwerk genossen haben. Nicht so die Europäer, denen es mit Pistolen, Gewehren und Kanonen den Krieg noch blutrünstiger gemacht hat.
In der Höhle selbst findet sich ein Hinweis auf Gerätschaften und Statuen hinter der Mauer wie auf ein statthabendes Theaterspiel. Für Heutige nur noch mit Geschichtswissen aufzuschließen, für die damaligen Menschen zu Platons Zeiten mehr oder weniger ein Hintergrundwissen, das beim Lesen oder Hören konnotativ vorhanden ist. Es kommt das Handwerkliche indirekt vor dem geistigen Auge zum Vorschein, insbesondere über Gesichtsmasken und trefflich gearbeitete Statuen die Abdrucktechnik mit Gips, die Vorlagen für die getreue Nacharbeit einer Statue aus Marmorgestein geliefert haben. Mimesis als Nachahmung nicht nur im Material der Natur, auch die Nachzeichnung der dramatischen Charaktere des Schicksals sprachlich und habituell nachgestellt und aufgeführt, in leichter Annäherung vom Hörensagen anderer Alltagsgeschichten, die da erzählt werden, bekannt und zu dichterischer Höhe geführt. Als Handlungen im menschlichen Tun, Verhalten und Denken aufgezeigt, was in der Natur Ursachen, Funktionsabläufe und Wirkungen sind. Woran Dichter für ein Theaterpublikum gearbeitet haben, gilt nicht weniger für Weltwunder, Tempelbauten, mit den in Marmor oder Bildnissen präsentierten Gottheiten, die auf Entdeckung schriftlicher Zeugnisse warten, im Können nicht vom Himmel gefallen sind und für die blind eingeräumt werden kann, dass auch Versuch und Irrtum Lehrmeister gewesen sind, die stumm für uns, aber in ihren Werken als menschlicher Geist der naturentlehnten Schaffenskunst zu erkennen sind.
Ein weites Feld stellen die Fesselungen dar, von denen her die Höhlenbewohner an die Natur gebunden, ihr unmittelbar reflexhaft unterworfen und gehalten sind, sich im Appetenz- und Reaktionsverhalten davon loszureißen, dieses Momentum des Innehaltens, sei es, für andere Möglichkeiten oder Notwendigkeiten. Wo Begehrtes verführerisch vor Augen wie von selbst das Wasser im Mund fließen lässt, stößt Unwirtlichkeit ab oder stellen Gefahrensignale um, lassen fliehen oder angreifen. In der Höhle kopflos, wie zu sagen gepflegt wird, ohne Innehalten, das es für platte, körperlose Schatten nicht gibt. Wie für die Augen, so auch für die anderen Sinne, ist alles da, noch unerschlossen, unverstanden. Wie kurzsichtige Nähe. Was sind schon daseiende Bilder am laufenden Band, selbst bei einem Standbild, und zwar ohne Sprache, über die fokussierende Erfassung eines Details zu sich steigernder Wahrnehmung von Einzelheit bis hin zur groben und dann feinen Gesamterfassung verläuft. Ein die Kindheit bestimmendes Erlernen bis hin in die gegebenen Initiationsriten hinein, weg von mütterlicher beziehungsweise elterlicher Gebundenheit oder einer anderen Bezugsperson, die unhinterfragt Lebensverhalten vorgibt beziehungsweise orientiert. In der Höhle gibt es noch kein-hinter-die-Dinge-kommen, der Schatten klebt an der Höhlenwand, lässt keinen Sitz für Erinnerung und Gedächtnis erkennen, der flüchtige Augenblick regiert schon durch den nächsten. Das instinktiv abgespeicherte Reiz-Stimulus-Muster lässt auf sinnliche Außenreize reagieren.
Eine abgespaltene Brüchigkeit im Höhlengleichnis gleich zu Beginn, von den Exegeten über die Jahrtausende bis in die heutige Zeit philosophisch-exegetisch unbemerkt geblieben, betrifft die Stellung des weiblichen Geschlechts überhaupt. Platon entzieht sich durch Indifferenz, schweigt sich über die Geburt des Menschenkindes nach beiden Seiten des Geschlechts aus. In der philosophischen Lesart des Gleichnisses ist es im Sinne der Auslegung für den männlichen Part geschrieben, der mit seiner Befreiung zur Sonne aufwärts, die Höhle hinter sich lassend, die Freiheitswelt und ihre aufsteigenden Horizonte zu höheren Warten und Horizonten entdeckt und samt Rückkehr in die Höhle erlebt. Latour hält nur fest, dass das weibliche Geschlecht zum Höhlenwesen naturalisiert wird und von der Freiheit ausgeschlossen wird. Es weiß nicht wie es in die Höhle gekommen ist, kennt keine Entwicklungsstufen im Höhlenleben für das Menschenkind, über die Naturbestimmung hinaus. Es selbst existiert nicht für die geistige Welt. Es bleibt dem Kreislauf der Natur verhaftet, dem elterlichen Anteil ausgesetzt und ohne höhere Wertschätzung, perspektivisch als unfrei Angebundene ortlos ohne Platzhaltervorgabe. Latour reflektiert sein Wissen nicht gründlich genug, dass da ein Zusammengehöriges zerspalten und abgespalten wird, dass dergestalt ignorant fortan in der geistigen Freiheitswelt das Menschengeschlecht in die Eindimensionalität von unnatürlichen Wahrnehmungsprozessen des einen Teil ohne Gegenstück geführt und das polyphemische Erleiden der menschlichen Schieflage in der Erkenntniswelt fixiert wird. Das Vorherrschen dieser ist jenen das Nachsehen, weitab von gegenseitiger Selbstbestätigung im Unterschied. Additive Koedukation allein ist noch nicht die Lösung, da die Platzhalter für Knotenpunkte der Integration diffus widerstreitend verblieben sind und von beiden Stellenwerten her Diffusität vermitteln, stärker zuungunsten der Frau wie auch so in Bezug auf die Natur, der die vollgültige Integration in Bezug auf eine adäquate weltübergreifende Ökopolitik zu gelten hat, der stiefväterlichen Herrschaft entgegen.
Der philosophische Männlichkeitsmythos ist selbst bei Hans Blumenberg im geschichtlichen Durchmarsch durch zweieinhalb Jahrtausenden kritiklos und zugleich von der naturphilosophischen Seite im Großen und Ganzen anthropomorph geblieben, entspricht vom „Höhlengleichnis“ her auch nicht einer sorgfältig getreuen Texterschließung und Auslegung, all das würde gründliche Nacharbeit erfordern, um aus dem umfänglichen Werk „Höhlenausgänge“ naturwissenschaftliche Einschläge freizulegen. Nacharbeiter des Philosophen hat es gegeben: „Blumenberg lesen“, aber die nachschärfende Lesart ist traditionell subjektorientiert geblieben und ist nicht für Details gleichniskundiger geworden. So für den ersten Horizont im Freien, der von der Wichtigkeit des Schattens bestimmt ist und leicht überlesen werden kann. Selbst wenn er als Wiederholung der Schatten an der Höhlenwand irgendwie ins Auge fiele, ohne Denkanstrengung und Vergleich bleibt sein Geheimnis unerkannt. Dem Schatten in der Höhle kann man nicht hinter sein Geheimnis kommen. Anders sieht es nun im Freien aus. Es wird der Schatten, die Sonne im Rücken des Baumes als umrisshafter Schattenwurf des Baumes, ihm zugehörig, erkannt. Der Baum zeigt sein Äußeres, von der Borke, den Ästen und Zweigen und dem Laubwerk, der Schatten verhüllt, verschluckt die Einzelheiten, vermittelt einen allgemeinen Ausdruck. Der Baum selbst gibt sich für den Eindruck dar. Hinter dem Schatten im ersten Freiheitshorizont kommen, dies hieße die Körperlichkeit der Dinge, noch hinter einem Schatten verborgen, aufzusuchen und zu erkunden, sei es, sich hinter den Baum zu stellen oder sich um den Baum bewegen oder mit dem eigenen Schatten Versteck spielen. Das Höhlenrätsel der Schatten hat sich aufgelöst. Dinge und andere Menschen in ihrer Äußerlichkeit sind für das Wiederkennen im Großen und Ganzen genauer für den alltäglichen Umkreis bestimmbar. Gleiches und Verschiedenes, wie auch immer erlebt, werden identifizierbar registriert. Bekanntschaften entwickeln sich, was das natürliche Umfeld angeht, so auch mit Menschen des Umkreises, von der Gestalt und besonders von den Gesichtern her. Ausgenommen, das eigene Gesicht.
Mit den Spiegelungen im Wasser tut sich der zweite Befreiungshorizont in großer Bedeutsamkeit auf. Im Wasserspiegel das eigene Gesicht zu sehen, kennt viele Facetten der Selbstwahrnehmung, bedarf einer Weile, das eigene Innere mit dem Äußeren und den Fremdwahrnehmungen, von anderen auf sich wahrgenommen, zusammenzubringen und einzuschätzen. Die Erfahrung, das Äußerlichsein hat ein Innerlichsein, an sich selbst festgestellt, so auch den anderen Menschen unterstellt. Mit neuer Fragestellung: Was steckt in den anderen drin, was geht in ihnen vor? Versuche finden statt, Innengeschehen von Veränderungen am äußerlichen Ausdruck festzustellen und abzulesen. Eine weitere Wahrnehmung von Spiegelbildern der Natur im Wasser enttäuscht zunächst, bringt dann mit unerhörter Einsicht in die Dinge der Natur weiter. Wie der Wasserspiegel die wunderbare Ufersicht in gedoppelter Weise vor den Augen erstehen lässt, das kennt das aufkommende Glücksgefühl vor solcher Naturerscheinung. Dann wiederum nüchtern betrachtet, stellt sich der Gedanke vom Höhlenschatten ein: Schein und Wirklichkeit Nichts dahinter, einerseits, aber als Gedanke der Abbildbarkeit!
In der Tat. Hinter solchen Stehbildern im Wasserspiegel steckt nichts dahinter. Eine leichte Brise und schon ist die Augenweide entschwunden, im sich kräuselnden Wasser vergangen. Nicht so die gespielte Uferlandschaft in vielerlei Körperlichkeit. Was steckt in diesen Körpern? Das Stehbild hält sich, gibt nicht von jetzt auf gleich in den markanten Versänderungen preis. Doch dann, nach etlicher Zeit, neu die Uferlandschaft wahrgenommen, die sich anders präsentiert und nicht mehr mit dem Bild von ihr übereinstimmt. Aber die Wahrheit der Jahreszeiten lässt das Bild sich im Wasserspiegel zum Kreislauf im Bewusstsein der Jahreszeiten wiederfinden, die Wahrheit vom Entstehen und Vergehen in der Natur, diese geistig in Vorstellungsbildern abgespeichert. Der Entwicklungsprozess, in Stehbildern und Naturdingen nicht mehr wahrzunehmen, bietet sich jahreszeitlich geordnet im Gedächtnis und Denken dar. Die vermutete Wiederkehr des Gleichen in der Jahresfolge bestätigt das unsichtbar Treibende an der Außenseite zur Ganzheit von innen und außen, als Gewusste. Das Gedankliche des Gesetzmäßigen in der Reihenfolge, sei es korrekt oder inkorrekt, die Wahrheit des Zutreffenden bestätigt die Wirklichkeit. Was in den Dingen steckt, ihnen äußerlich nicht auf einmal angesehen werden kann, hat Peter Sloterdijk, auch kein Exeget am Höhlengleichnistext selbst, sondern gleich mit Sprung in den Transfer zuhöchst beeindruckend geleistet und die gegenwärtig steigende Wissensflut einer Kritik der Kontraproduktivität unterzogen.
Das Unsichtbare der Dinge ist die Black-Box, unser Unwissen. Das Gewusste der Dinge ist die White Box. Im Vergleich zwischen den heutig Hochgebildeten in modernen Gesellschaften und den Bildunglosen archaischer Gesellschaften stellt Sloterdijk fest: Sogenannte Bildungslose, die über viel Naturwissen zum Überleben verfügen, würden bildungslos in modernen Gesellschaften unter die Räder kommen. Dagegen die Hochgebildeten, die geradezu in Wissen schwimmen, aber es in der archaischen Natur überlebensmäßig nicht besser getroffen hätten wie die Bildungslosen in hochmodernen Gesellschaften, sind der Clou des Ganzen. Die Hochgebildeten, wissensüberflutet, White-Box-Kinder, erleben nicht den sogenannten Vorzug ihres Wissens. Sie wissen wirklich nix mehr von der Natur und ihr Wissen gleicht der Spreu, vielleicht nicht einmal mit einem benötigten Korn, um in Konfrontation mit einer Lebenssituation diese zu bestehen. Man muss bezüglich dieser Fehlentwicklung von Unwissen Sloterdijk gelesen haben, um sich im Garten des Wissens nicht irrigerweise für gut orientiert zu halten. Wer im falschen Film ist, merkt die Sachverlorenheit nicht, ob Einzelne oder Gesellschaften, sei es auch demagogisch induziert, der Eindimensionalität erlegen. Latour greift für Entscheidungsprozesse mit hoher Verantwortung in wichtigen politischen Herausforderungen unserer Zeit die Oberflächlichkeit der Worte an, die profundes Wissen suggerieren und nur wie taube Nüsse nichtsbesagend, also inhaltslos sind, bloß Schein, ohne Bezug zu den Dingen und Tatsachen der Wirklichkeit in Bezug auf Natur- Welt- Mensch. Eine wahrheitslose Welt der Worte, eine Scheinwelt, dem Lug und Trug offen, gemeingefährlich.
In der griechischen Welt der Stadtstaaten ist die Sprache ein großes Problemfeld unter dem Kriterium der Dinge selbst gewesen, einander in den unterschiedlich vorhandenen Dialekten verstehen zu müssen. Die Frage ist, was ist mit den Dingen selbst gemeint, die das Verständnis sichern? Im gemeinsamen Lebenskreis geschieht ein funktionaler Lebensvollzug der Alltagssprache im Assoziationsfeld, schon andernorts durch anderes Verständnis und andere Auffassung gebrochen. Als Herausforderung für die Nachdenklichen interessierte die Frage, was denn die Einheit der Verständigungsfähigkeit in der Welt der Stadtstaaten sichert, sei es, um sinnvoll über einen Orakelspruch allerorten nachdenken zu können und an solcher Weisheit teilzuhaben. Dieses für Sprache erkannte Kriterium sind vom Höhlengleichnis her die Dinge selbst, für welche die Worte stehen. Ein Aufdämmern hat steinzeitlich in den Höhlen an Felswänden stattgefunden. Die angedeutete Tierjagd, eingeritzt oder in Farbe gemalt, Repräsentanz für das Tatsächliche und allgemein Nachvollziehbare. Sozusagen das Vermittlungsding fürs gemeinsame Verstehen in der Unterschiedlichkeit, beim Vokabellernen einer Fremdsprache ein Bildlexikon als Lernhelfer fürs Einprägen durch Wort und Bild. Dinge selbst, um die es geht, als Hinweis auf das tatsächlich Gemeinte, ist zu allgemein, lässt nach dem Besonderen nachfragen, nach Bereichen, was die Menschen, das Hervorgebrachte und die Natur betrifft. Hegel gibt für die Griechen den Mysterienkult als Auskunftsquelle für das Wahre des Ganzen in jener Zeit an. Einweihung in die Geheimnisse, die sie für den jeweiligen Kultkreis in der Griechenwelt nicht mehr sind, sondern auch den nachbarschaftlichen Stadtstaaten bekannt sind. Ein gemeinsames Offenbarungsgut, welches durch und für die miteinander geteilte Sprachwelt versammelt worden ist. Alle Gottheiten vorgestellt, die den Menschen über sich selbst, wie es ist, das Greifbare in den Sitten kundtun, auf Kunstwerke, Landbau und Naturerscheinungen verweisen. Die Dinge der Zeit liegen in den Mysterien und ihren Ortsresidenzen offen auf dem Tisch und bestimmen die Kommunikation und Klärungen durch Versammlungen auf dem Marktplatz und den vom Theater Bewegten die Sitzreihen empor. Hegel schwärmt kundig geradezu von diesem narrativ eingetretenen Lichtblick der griechischen Lebenswelt.
In kritischer Hinsicht zugunsten der Natur ist hier das Wort gegen den dreieinigen Gott der Christen ins Feld zu führen, der den Himmel der Vielgötterei zugunsten des Menschen leergefegt hat. Wer könnte gegen dieses anthropomorphe Selbstinteresse des Menschen am Menschen in einer übermächtigen Welt Gegenzeuge sein und diese Orientierung verwerfen? Mit dem Blick auf diesen Monismus wissen wir heute besser um die Einseitigkeit Bescheid. Das christliche Gottesdenken, das in die Welt gekommen ist, hat den Kahlschlag der Naturgötter bewirkt und damit das Wissen um die Naturdinge der Wichtigkeit beraubt. An die Stelle der Naturdinge sind die Heiligenlegenden getreten, ist ein Märtyrerkult getreten, hat solche Überbetonung der Vatergeschichten stattgefunden, die Mutter Natur teils selbstverständlich oder als Stiefmutter hingenommen hat. Es ist ja nicht so, als hätte die christliche Lehre nicht die ganze Wahrheit gekannt, aber eben abstrakt, als ein Geheimnis, gegen dessen Aufhebung der Kult der Eindimensionalität gestanden hat und heutzutage nicht mehr geleugnet werden kann. das Zusammengehörige gegeneinander entfremdet und schlussendlich unverständig in Stellung gebracht zu haben: Gott und Mensch. Er, als Ebenbild und Gott auf abgehobener Ebene, der dem Menschen biblisch erzählt hat, wo er und wo der Mensch als Erdenwurm vor dem Allmächtigen steht. Die philosophische Botschaft ist nicht so richtig herübergekommen, dass Gott die Natur ist, der wir entstammen und in der wir leben. Deus sive Natura. (Spinoza) Naturwissenschaftliche Erfolge, die erdumspannende Gesetzmäßigkeiten für jeden Punkt der Erde festgestellt haben, sind gegen göttliche Gebote angetreten und haben diese in die Schranken verwiesen, zuvörderst die Gesetze der Natur zu beachten, deren Lauf dem Menschen vorgibt, wo es langgeht. Und da werden selbst die inzwischen verstaubten Bücher der Mysterienkulte für Kinder- und Jugendbücher wichtig, sie als Anknüpfungspunkt zu wissen und das Wesentliche auf ein gemeinverständliches Basiswissen runterzubrechen. Die französische Lesekultur ist da moderner und lebendiger, die deutsche hinkt erheblich nach, traktiert und schreckt eher ab. Auch keine Easy Reader im klassischen Bereich als schlankes und modernisiertes Lesestoffangebot für jüngere und junge Leute. Was die Bedienung von weltfremden Fluchtphantasien, banal oder fiktiv, ins Irreale angeht, technisch-abenteuerlich unterwegs, als Neuauflage von unglaublichen Wunderwelten, blüht der Markt. Das Reelle für eine tragfähige Bewusstseinsaufschließung kommt zu kurz. Die Natur, der Umgang und Einklang mit ihr, das Erleben von Sorgen, Kümmern und Wonnen, ins Bewusstsein gehoben, kommt sprachlich für die übergreifende Wahrnehmung kaum vor. Eher einer Entfernung der Natur aus dem Bewusstsein und es kann nicht wundern, wenn Ökopolitik keinen überragenden Stellenwert hat. So wertvoll der Kampf um die Natur ist, aber es geht nicht um ihre Beachtung und ihren Einklang als Teil der Aufmerksamkeit allein, sondern um das vernünftig erkannte Zusammenspiel aller Teile in Wahrheit wegweisend nachgezeichnet.
Sprache erweitert den Horizont über die Spiegelungen hinaus, greift mit dem Vorankommen gemeinschaftlicher Dinge selbst einer neuen Zusammengehörigkeit vor, Verkehrswege treiben sprachlichen Austausch mit unglaublichen Wissensspitzen voneinander voran, klarer, was den Handelsgeist betrifft, fantastischer Gespinste der Vorstellung aus den zugänglichen Weltgegenden, all das bringt dem Spinnennetz gleich, kartographisch verzeichnet, Dinge der Beziehungen vor Augen und zum Wiederaufsuchen und zum gegenseitigen Nutzen zusammen. Kartenwesen, dem Sternenhimmel in den Wasserspiegelungen abgeschaut und von der bekannten Welt orientierungsweise in Skizzenform festgehalten, beendet die große Suche der Völker nach einem Land, in welchem Milch und Honig fließt und aus notgedrungener Wanderbewegung Sesshaftigkeit wird, die auf der Wanderung von Hunger und Durst, Überfällen, Tod und Versklavung bedroht sind. Den Anfang macht die Blüte der Flusskulturen, die Völkerschaften, die zu großen Völkern werden können, die entsprechenden Lebensbedingungen bieten, einen Innenraum und Schutzschirm schaffen, für Ausgestaltung offen, diese in vielerlei Hinsicht zu nutzen. Ein Paradebeispiel ist der Nil, der mit dem Traum des Pharao bis in die heutige Zeit hinein eine naturgebundene Konjunkturtheorie liefert, die Unregelmäßigkeiten durch Vorratshaltung überwinden kann und neugeordnet heutiges weltweites Marktgeschehen mit vielen Marktplätzen in den übergreifenden Schwankungen ebenso. Allerdings bei der steigenden Bevölkerung in der Welt und den Grenzen der endlichen, unerschlossenen oder ungleich erreichbaren Ressourcen, Konsumenten und Anleger ein voraussehbares Schicksal, das auch noch, vom menschlichen Erfindergeist, nicht mehr unter Verschluss gehalten, zur Selbstbedrohung geworden ist. Ganz unverdächtig, nicht allein atomar spektakulär.
Für das Unverdächtige steht Ägypten als Entwicklungsland, das kein Land mehr für die Menschen gewesen ist, wo Milch und Honig fließt, wo aber technische Hilfe durch ein wirtschaftliches Großprojekt vieler Beteiligter aus der Staatenwelt Abhilfe schaffen sollte, und zwar Verbesserung der Lebensgrundlagen durch einen großen Stausee des Nilwasser auf dem Weg geschäftstüchtiger Entwicklungshilfe. Für die Unternehmungen der Projektverwirklichung ein kapitaler Geschäftsbrocken, in höchsten Tönen für Zugewinn und Wohltaten gelobtes Geschäftsengagement. Am Ende ein böses Erwachen, dass der Zuwachs an technischem Vermögen für solche zu stemmende Großprojekte nicht schon für den erhofften Segen steht, mit der archimedischen Schraube nicht vergleichbar, die das Uferland am Nil, langgestreckt zur Nilquelle hinauf, über Gräben ins Land hinein für Ackerbau und Viehzucht bewässerbar gemacht hat. Nun ein fatales Ergebnis durch fehlende Aufmerksamkeit für die Bedingungen der Natur, nämlich was die Unterschicht einer Salzformation des Stausees betrifft, vom nach unten bahnsuchenden Stauseewasser genässt und in großer Breite wieder nach oben salzig gelangt und den Boden unfruchtbar gemacht. Ein Beispiel für Naturzusammenhänge und Überfälle von Großtechnologien, gezuckert mit Versprechungen, die bis in die Klimakrise hinein blind auf den tragenden Naturgrund losgelassen werden und keine wissenschaftliche Instanz und wissenschaftliches Beratungsportal für Zulassung oder Ablehnung kennen.
Im alten China gab es die Himmelssöhne, die sich auf den Sternenhimmel verstanden und das, was uns Tierkreis heißt, für die Jahreszeiten im Blick auf Aussaat und Ernte zu lesen und zu bestimmen wussten, dergestalt im Einklang mit der Natur lebten, die den Menschen einen immergleichen Regelkreis vorgab. Der mitgelebte Lauf der Natur als Tao, von den Himmelssöhnen differenziert mit dem Sternen- und Erdenwissen im Abgleich bestimmt. Das alte Ägypten hat nicht weniger Himmelsbeobachtung betrieben und am Eintreffen des Siriusgestirns am Nachthimmel die erwartete Nilflut anzugeben gewusst. Das Volk Israel in jener Zeit hat eine proaktive Beobachtung der Natur mit einer Maßnahme für die Natur getroffen, die im nachfolgenden Jahrtausend auch europäisch in der Feldwirtschaft Niederschlag gefunden hat. Der ausgelaugte Acker braucht Erholung, muss sich regenerieren, als Brache oder durch Fruchtwechsel oder Dreifelderwirtschaft. Auch hier wieder: Erfindergeist und technische Anwendung im großen Stil, was die differenzierte Palette der Düngemittel und dann die der Schädlingsbekämpfung angeht, die Erfolgsspirale nach oben angetrieben, dann umgekehrt, nach unten, bedrohlich heute! Häuptlinge der Ureinwohner Amerikas, sie haben die Missachtung und das Denken des Weißen Mannes in Bezug auf die Natur nicht verstanden, sei es, die Besitzergreifung des Landes, das nicht mehr res nullius, also nicht für Besitzergreifung frei war oder das sinnlose Abschießen von Büffelherden als Jägervergnügen. Von den vielen missratenen Eingriffen in die Natur nicht zu reden, die der modernen Zeit angehören. Schon früh wird die Phantasie der jungen Menschen mit Games für Kinder und Jugendliche angereizt und präformativ für Einstellung der Achtlosigkeit im Umgang mit der Natur und dem Menschen selbst unterschätzt, durch die Frage angesichts unglaublicher Entgleisungen aufgeworfen: Verborgene Wucherungen des Übels und Übels – woher die das nur haben?
Platons Schieflage der Sicht geht auf das ihn beeindruckende ägyptische Solarprinzip für die Erde der tageshell hervortretenden Jahreszeiten zurück, der Mond in einer Nebenrolle für die Nacht, die alles in ein Grau in Grau einhüllt, mal das Himmelsfenster offen, mal durch Wolken sichtverschlossen. Von der entgegengesetzten Abfolge der Jahreszeiten in Bezug auf die andere Hemisphäre gab es noch nicht das Wissen zweier gleichwertiger und zusammengehöriger Erdpolseiten. Kein Wissen von gleichgewichtigen Naturkräften sind in Platons Denken eingegangen. Er bleibt in einem Überwältigungswissen befangen. Mit den guten Gründen, sich erfolgreich wehren und schon im Ansatz Bedrohliches abwehren zu können. In dieser Kriegsspirale geht es auch heute noch mit den guten Gründen jeder Seite fort, um die jeweilige Unterstützung der eigenen Seite bei der Stange zu halten. Für jede Seite ist die Kriegssituation diabolisch und erlaubt nicht, auch auf Richtiges am verteufelten Gegenüber zu entdecken. Schon kommt das Totschlagargument: Wie kannst du nur mit diesem Teufel und menschenverachtenden Verbrechern halten. Wie schon gesagt? Jede Seite findet die passenden Gründe und Ausflüchte, um die einander entgegengesetzte Konfrontation der Eindimensionalen fortzusetzen. Und es fehlt nicht an rührenden Unschuldsblicken und entsetzlich Hingemordeten. Ein Dilemma in der Situation, nicht mit einer vernünftig abgleichenden Draufsicht und Übersicht von höherer Warte aus die konfrontativen Seiten in Wahrheit zu Gesicht und Gehör bringen zu können.
Die Möglichkeit der Vernunft, Fehlerhaftes auf beiden Seiten einräumen zu können und in befriedeter Übereinstimmung in den Alltag zurückgehen zu können, hat den in die Eindimensionalität Gefallenen und ihr Verfallenen nur das Muster zu bieten, sich in den Exzess zu begeben, sich darin zu verausgaben und zu verlieren, sei es bis in die Widerstandserschöpfung oder in die Übermächtigkeit der Kriegsstärke der anderen Seite hinein. Heute durch die verstärkten Abhängigkeiten weltweit voneinander ist die Sachlage gänzlich anders. Es gibt angesichts weltweiter Mitleidenschaften nicht mehr den auf der ganzen Linie lorbeerbekränzten Sieger mit wenig Opfern und wenig betroffenem Hinterland, und zwar einer Seite, die sich am Besiegten schadlos halten kann und mit erreichten Kriegszielen und hohem Gewinn sich erheblich besser steht als zuvor. Im Gegenteil. Die Gefährdungslage weltweit fragiler Lagen für Kollabierungen und Streitbarkeit nimmt unaufhörlich zu. Es geht also am Ende sukzessive um die strapazierten und anfälligen planetarischen Lebensbedingungen selbst, wie das Bild vom Tausendfüßler lehrt, wenn er denn auf schwierigem Untergrund aus dem Tritt gebracht wird und das Durcheinander unverständig die Welt regiert.
Dieses Wissen um das Erdganze in einer gedoppelten Bedeutung, wiederum apokalyptisch als Ende aller Dinge, ist erst mit den europäischen Weltentdeckern aufgekommen, die den neuen Weltkarten wie in einem Siegesrausch die unbekannten Gegenden der Welt getilgt und ihren Stempel auf die Karte gesetzt haben. Exzellent von Sloterdijk – seine zeitgemäße Aufklärung mit dem Muster von rechtsüberstülpender Landnahme, Eroberungskrieg und den Herrschaftsansprüchen in Bezug auf lose Fische im offenen Meer, als Freiwild bis in den Faschismus hinein – vors Auge gebracht. Den begrenzten Blick auf die Welt bringt symbolisch auch das Kreuz zum Ausdruck. Es reicht die Vertikale des Wissens bis an die Horizontale heran, aber noch nicht über die Horizontale hinaus. Die sogenannte Vorsehung des zu ergreifenden Künftigen aus dem Wissensbestand der Vergangenheit lässt noch lange auf sich warten, bis der Verlängerungsaufsatz der Vertikale die Erwartungshöhe einspielt, nicht mehr auf das Jenseits einer himmlischen Entschädigung oder Belohnung hofft, sondern auf diesseitige Weltveränderung hinaus ist. Diese gehört der Neuzeit an, die uns aus dem starren Weltbild eines überwölbenden Fixsternhimmels entlässt.
Von Aristoteles, der im Blick nach oben, zum Sternenhimmel hinauf, den unbewegten Beweger geradezu mit der ewigen Himmelsdecke beschlossen gesehen hat, mag offen bleiben, was es dann mit den Abbildern des Kosmos auf sich hat, die im Hades der Unterwelt den Heimgang haben, nicht wie im christlichen Weltbild, das mit einem Refugium Gottes für die auf Erden Verblichenen aufwartet, den Leib der Erde übergibt und die Seele auf den Himmel ausrichtet. All das noch weitab von einem Gedankenhimmel der menschlichen Erinnerungspflege und den ausgebildeten Modalitäten entfernt, sich für einen davon schon zu Lebzeiten oder danach verdient zu machen beziehungsweise beschenkt zu werden. Der Lockreize um der Zukunft willen sind viele, aber auch Abschreckungsversuche, geschürt durch höllische Erwartungsängste vor Hinrichtungen, Gefängnisanstalten, Lagergefangenschaft, Überwachungen, sich nicht dem Abwegigen hinzugeben, sondern auf Spur zu bleiben. In der Höhle lebt es sich ohne Gut und Böse, reaktiv, im Freien, in der Welt der Horizonte, from the bottom to top, geht es immer um Segen und Fluch, Vorteil und Nachteil, Unterschied und Verschiedenheit der Dinge des Bewusstseins, um horizontgemäße Erkenntnis, Verantwortung und Rechenschaft, sich vernunftgemäß in den Sachen, Interessen und Werten entscheiden zu müssen und Wege und Mittel zum Ziel in Wahrheit zu realisieren.
Platons Sonne, die Idee des Guten, ist Höhepunkt des Denkens, das als höchste Spitze den Wendepunkt und Umkehr, zurück in die Höhle, zu den Höhlengefangenen, um sie zu befreien, bedeutet. Wer stimmt nicht ein, würde Brüchigkeit befürchten. Die Sonne steht doch für Licht, Wärme, Lebensgeister weckend, assoziiert sich im Sonnenschein, wohltuend von Sonnenstrahlen kosend gestreichelt. Ohne Arg. Auf anderes, auf Negatives sind die Exegeten nicht gekommen. Unsere Eindimensionalen von Anfang an solcherart Lesart der Interpretation. Sie hätten es besser wissen können. Zu lange in der Sonne gewesen, vom Sonnenstich ereilt oder sich einen Sonnenbrand eingefangen. Vom Unsichtbaren noch nicht wissend, von gefährlichen UV-Strahlen. So nicht das Mondeslicht der Nacht, in den Ablaufphasen eine erste Zeitorientierung, im Wissen der Frauen um ein Geheimnis mehr, aber im Mondenschein auch ein Frösteln in der Nacht, eine Gegenkraft auf Kälte hin gewahrend, die Bibbern lässt und nicht mehr an die Romantik der Nacht denken lässt, an den wohltuenden Gegenpol zur flirrenden Hitze des Tages. Gestirne, von denen unsichtbare Strahlen, Wellen und Strahlungen ausgehen.
Die Welt des blauen Planeten ist dem Menschen für Wissen, Wollen und Handeln eine ganzheitliche Herausforderung durch reelle Wirklichkeitserfassung, getragen vom Wellenprinzip, von Blitz und Donner, Wind und Verwehtem, Ebbe und Flut her bekannt, von den sichtbaren Wellen zu den unsichtbaren, die ins Unsichtbare auf ihrem ausgerichteten Gang als Sendestrahl in etwas hineinzuhören oder hineinzusehen vermögen. Radiowellen rund um die Erde herum, die wie das digitale Netz die ganze Menschenwelt kommunikativ für Daten, Fakten und Kontakte in Verbindung bringen. Im Orbit von den Satelliten aus Orts- und Bewegungsüberwachung, sonar in die Meerestiefen und vielerlei Erkundungswellen ins Weltall bis hin zur Rückmeldung vom Big Bang. Leistungsverweise, so die Erde bedrohende Meteoriten vorab, sei es, diese ab- oder vorbeilenken zu können, das Negative als sogenannter Krieg der Sterne geplant, für Spionage, Überwachungen und Störangriffe schon reell. Das Gefährliche allgemein und einzeln hat die Welt bedrohlich erreicht. Das Ganze durch nukleares Damoklesschwert und Apokalypse, alle einzeln durch die kleinen Handlichen und den Elektrosmog, partikular gestreut, Hochspannungsleitungen, Transformationsstationen, Speicherwerke, aufgeladene Luft und funkenspritzende, sich reibende Drähte und anderes mehr. Kraftfelder wie Spinnennetze umgeben uns Unwissende, die darin leben, Beteiligte, unwissentlich Mitwebende und Mitwirkende daran, was da unsichtbar auf uns zugreift, als ABC-Gefahr auf uns zugreifen kann. Und für all das Zersplitterte kein Agreement fürs kooperative Miteinander als unverbrüchliche Leitlinie der Vernunft. Unterwelt des Meeres in wunderbarer Erkundung zurückliegender Erdzeiten, Vermessung der Kontinentalverschiebungen für rechtzeitige Gegenmaßnahmen der Küstengebiete bei Verreißungsprozessen und Sturmflutgefahr. Zugleich was Kriege den Meeren und Seen mit versenkten Schiffen antun, der Entsorgung von Bomben-, Munitions- und Giftbeständen, nicht nur militärisch, auch mit privatwirtschaftlichem Müll, vielen Schadstoffen und anderem Entsorgungsbedarf. Meeresteile, der Verseuchung preisgeben, die für Meerestiere und Menschen lebensfeindlich werden. Von Kriegshandlungen der Sabotage nicht mehr zu reden.
Schlussendlich stellt sich die Frage, ob die Weltgemeinschaft der Menschen, mit der Vernunftgabe ausgestattet, bei solcher Gefahrensteigerung ins Planetarische hinein noch zu retten ist! Wir wissen um die Brüchigkeit, um den gescheiterten Rückkehrer. Vermag Vernunftbelebung, wie sie durch den philosophischen Gesamtansatz für das Ganze in Wahrheit gedacht worden ist, das Rettende durch unser Gattungsvermögen in der Gefahr sein? Ja, aber nicht ohne bestätigte Naturbeobachtung für eine erfolgreiche Periagoge. Ein altes Wissen um unsere erste Natur, sie zu überlisten, von Behavioristen unserer Zeit für schwierige Extinktion und Bereitschaft zum Neulernen auf begehrliche Leckerei und Versüßung der Medizin gebracht. Das gilt auch für die auf den Weg gebrachte Medizin: Bruno Latour hat vom Ansatz der Ökopolitik her einen ganzheitlichen Reformbedarf in den wesentlichen Punkten für das neue Zusammenspiel angeregt, kein Luftschloss gebaut. Es geht reell um Weichenstellungen, für die er die Klippen gegen die herkömmlichen Routinen herausgearbeitet hat. Er hat feinsinnig und intensiv sein Öko-Politik-Projekt im gedanklichen Beisichselbstsein, im philosophischen Gespräch mit seinem Alter Ego gelebt und vom Signalwort her die parlamentarische Vernunft durch und für die Dinge nicht zuletzt wissenschaftlich herausgefordert, den neuen Weg in die Welt hinaus zu gehen, auf dass wir, die das Heimweh einer wohlverlebten Kindheit verspüren, überall zu Hause sein können und nicht den Verlust des schützenden Daches durch Naturereignisse, Weltkrisen und Selbstentwertung der Vernunftgabe fürchten müssen. Unser Wissen nun, was für das Rettende vonnöten ist, fordert unser Vermögen zur Neuausrichtung intelligent heraus. Beispielgebend ein Mädchen, das es vom Höhlengleichnis her nicht gibt, Jahrtausende nicht geben durfte, nun, für die Erinnerung bleibend, mit einem Pappschild vor dem schwedischen Reichstag, mit jugendbegeisterndem Wellenschlag für Klimarettung auf berührende Weise in die Welt hinein, einer bislang missbrauchten Jugend von schrecklichen Drahtziehern und Machtpotentaten entgegen. Was für eine Deklassierung der exegetischen Elite.
Literatur
Ein geschichtlicher Parcour hier und überkommene Deutungsweise da:
Hans Blumenberg, Höhlenausgänge, Frankfurt/M. 1996
Blumenberg lesen. Ein Glossar, hrsg. v. R. Buch, D. Weidner, Berlin 2014
Keine Ahnung vom Abendhimmel, aber von Galaxien, Weltraum, Urknall zu sprechen. Eine lohnende Abhilfe mit vielen hilfreichen Wissensstücken en miniature
Hermann-Michael Hahn/Gerhard Weiland, Sternkarte für Einsteiger: Die Sternbilder sicher erkennen. Stuttgart 2011
Aufstieg des Bewusstseins zur Vernunft hier, abgehaktes Höhlengleichnis Platons da:
G.W.F. Hegel, Phänomenologie des Geistes. Werke 3, Frankfurt/M. 1970
G.W.F. Hegel, Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie. Werke 19, Frankfurt/M. 1971
Übersicht der geistes- und naturwissenschaftlichen Disziplinen aufrissweise:
Oskar Holl, Wissenschaftskunde, Bd. 1, Pullach bei München 1973
Oskar Holl, Wissenschaftskunde, Bd. 2, Pullach bei München 1973
Politischer Restrukturierungsansatz für handlungsmächtige Fortschrittsherausforderungen:
Mihailo Mesarowic/Eduard Pestel, Menschheit am Wendepunkt. 2. Bericht an den Club of Rome zur Weltlage, Stuttgart 1974
Zur Notwendigkeit einer konzeptionellen Revision von Wissenschaft und Politik:
Bruno Latour, Das Parlament der Dinge. Für eine politische Ökologie. Frankfurt/M. 2010
https://transversal.at › transversal › lash II Objekte, die urteilen: Latours Parlament der Dinge
Informativ zur Klimakrise und politischen Herausforderung:
Harald Lesch, Klaus Kamphausen, Wenn nicht jetzt, wann dann? Handeln für eine Welt, in der wir leben wollen. München 2/2019
Ein neuer Blick auf das Höhlengleichnis von der ungelösten Rätselhaftigkeit her:
Josef Mußmann, Nachdenken können. Zeit für Goldstaub haben: Platons Höhlengleichnis. Relevanz der Interpretation. Link: horizontoeffnungen.com/nachdenken-koennen
Für die Fülle der unmittelbaren Lebensfülle aus antiker Sicht:
Orpheus. Altgriechische Mysterien. Übertragen u. erläutert v. J. O. Plassmann, Köln 1982
Mit bester Empfehlung für Gesamtwerk, Kommentierungen und Nachschlagregister:
Platon, Der Staat, in: Sämtliche Dialoge, Bd. 5. Hamburg 6/1988
Die unorthodoxe Aufklärung der Schattenbewältigung da, wo’s wehtut:
Peter Sloterdijk, „Erleuchtung im schwarzen Kasten – zur Geschichte der Undurchsichtigkeit,“ in: Mischa Kuball (Hg.), Platons Spiegel, Köln 2012
Peter Sloterdijk, Sphären II: Globen, Frankfurt/M. 1999