Höhlengleichnis im 21. Jahrhundert
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Teil II
Puh, ein Sloterdijk noch im Bann alter Geister. Es geht um Wahrheitsliebe, in der Tat, aber nicht nur abstrakt ausgesagt, leerformelhaft, um besser den Tatsachen ausweichen zu können. Eben darum diese nicht rückverweisend ausgesagt, sondern nur paränetisch (= Ihr wisst doch, also denkt daran, worauf es ankommt!) angesprochen, um nicht sogleich Gefahr zu laufen, dass Vergangenes aufgewühlt wird und Peinlichkeiten bereitet werden, vielen unliebsamen Rückfragen entgegen. Darüber hinaus kämpferisch jede Seite des geteilten Landes, seitenbezogen einander entgegengesetzt, sei es der freie Westen gegen den kämpferischen Osten hier und umgekehrt als sozialistischer Osten gegen den bedrohlichen Westen da. Wie damit umgehen?
Zur Wahrnehmung der deutschen Höhlenerfahrung und reflexiven Positionierung: Mit Aurelius Augustinus hat Sloterdijk das Momentum für die Periagoge wie für die Rückkehr des Aufklärers in die Höhle vor sich. Für uns im Mehrwissen: Einerseits eine überlieferte Mutter Monika, die ihren Sohn, der da einem liederlichen Lebenswandel erlegen ist, in Gesprächen mit ihr dazu bringt, die Lebenswende zu vollziehen, ganz platonisch, hin zum fleischgewordenen Gottessohn, dem christlichen Sonnenlicht des Guten. Sozusagen das mikrologische Werk der Mutter, ihr Kind aus dem Höhlendunkel zu befreien. Andererseits der Sohn, gereift und ergriffen vom Gotteslicht, der sich gleich Sokrates anschickt, die Gefangenen in der Welthöhle seiner Zeit zu befreien, ihnen das Gotteslicht gegen das Höhlendunkel zu bringen. Nicht mikrologisch, auch nicht bloß die Menschen um sich scharend, sondern als Lehrer zweier Welten, diese in einem Herausforderungsverhältnis zueinander, nämlich civitas Dei versus civitas terrena, späterhin nach anderthalb Jahrtausend als Reich des Guten und Reich des Bösen wieder aufs Tapet gebracht.
Der Anstoß, Augustinus für eine kritische Sicht in Augenschein zu nehmen, weist auf Heidegger zurück, ohne weibliche Geschlechtsrelevanz, auch ohne zeitspezifischen Kontextbezug, was da Religion und Philosophie zusammenbringt. Darüber denkt Sloterdijk mit der messianischen Position Adornos nach, die dem Vorwurf ausgesetzt ist, Philosophie und Religion zu vermischen. Die Infragestellung ist berechtigt, wird die Sachlage betrachtet, welche die Widerstreitenden der alten und der neuen kritischen Theorie zugleich der Unangemessenheit und des Realitätsverlustes, was die Reichweite und die gewaltigen Weltveränderungen angeht, aussetzt. Sloterdijk hätte an Deutschlands außerordentlich abgründig prekärer Lage als Nation, was den Siegermächten „Bestrafung“ „Entnazifizierung“ und „Reeducation“ als wichtige emanzipative Auflage für Wiedereingliederung geheißen hat, erkennen müssen, dass mit Reue und Buße, in Sack und Asche gehen die Bevölkerung nicht für ein wiederzuerstehendes Gottesreich und eine heile Welt zu remissionieren ist.
Adorno hat bezüglich der Herausforderung in der Zeit den richtigen Maßstab gesetzt: Erziehung zur Mündigkeit! Negative Dialektik orientiert, scheidet aus, was nicht geht. Schule und Bildung, die wesentlich für den Generationswechsel stehen. Das Positive öffentlich in bitterer Armut: „Seid nett zueinander!“ Resignativer Schwachpunkt, Adorno: „Versuchen, ein gutes Tier gewesen zu sein.“ Es hätte Sloterdijk die „civitas Dei“ als untauglichen beziehungsweise sehr begrenzten Ansatz einer Befreiungsherausforderung erkennen müssen, nicht nur angesichts der Unmöglichkeit in der Weltlage als große und neue Missionierung gegen Ideologien und andere Weltgeister. Die göttliche Mitte, vom Leuchtfeuer der Märtyrer angestrahlt, sie leuchtete kaum mehr. Hegel konsekrierte noch fromm, registrierte jedoch auch jenen Stolz, nicht mehr zur Kniebeuge bereit, aber dann doch, so singulär, eine weltöffentlich imponierende Tat des humanen Imperativs, einer demütigen Respektsbezeugung auf den Knien. Das Selbstbewusstsein der Deutschen, einer Verheißung nach göttlicher Erlösung durchaus offen und nach wie vor in jener Zeit immer noch adventlich singend: „Tauet Himmel, den Gerechten, Wolken regnet ihn herab, rief das Volk in bangen Nächten, dem Gott die Verheißung gab … verschlossen war das Tor, bis der Heiland trat hervor.“ Na, da ist aber ein Heiland mit viel „Sieg Heil!“ hervorgetreten und auch von göttlichen Gebeten begleitet worden. Nun mit gleichem kirchlichem Singsang auf Gegenwende hinaus, für Demokratie, Menschenwürde, gegen Führerstaat und Gefolgschaft oder doch nur junger Wein in die alten Schläuche? Wenig Bewegung, einer überfälligen Selbstüberholung entgegen, auf beiden Seiten der großen Konfessionen, sei es paternalistisch hier oder zersplittert dysfunktional, nicht synergetisch da. Auf kurze Zeit bahnbrechend: Junge Leute stellen Fragen ihren Vätern, ihren Eltern nach ihrem Tun und Lassen in der vergangenen Zeit, der Kriegszeit.
Der augustinische Wahrheitsbegriff ist totalitär. Seine Realisierbarkeit, auf Umsetzbarkeit in der Zeit, geht an der Relevanz für die Lebenszeit der Menschen vorbei. Aber als Investition in handlungsfähigen Lebenszusammenhängen leistet und sichert er jedoch die Einheitlichkeit als Voraussetzung für den Wahrheitsbegriff, mit dem Thomas von Aquin das mikrologische Momentum angestoßen und für viele umzusetzende Dinge in der Ordnung erschlossen hat: Wahrheit als Übereinstimmung von Denken und Sein. Beweglich, wie es füglich umsetzungsfähig ist, und zwar denkend: vom Sein her oder vom Denken her, freiheitlich selbstregulativ, wie Marktgeschehen. Nicht so in der Dogmatik als das Feste und Höchste, Orientierung vorgebend, im unabsehbar und grenzenlos Irdischen unterwegs, Botschaften des Geistes bringend, für von Mal zu Mal wachsende Anzahl unterschiedlich Interessierter. Weniger die im Schatten Stehenden gewahren als diejenigen, die da kühn und eifrig nach Licht und Glanz streben. Viel mehr nicht, wie in alter Zeit, diese vom Gewürzhandel angetan, jene das Gold vor Augen und Herrschaften auf ganzheitliche Erweiterung, unterlegt durch geistige, zivilisatorische, schlussendliche moralische Mission, ein schon früher Aufbruch als Machtverein in Gott.
Im Text „Domestikation des Seins“ hebt Sloterdijk ab, leistet reflexive Wertesteigerung des Höhlengleichnisses, bringt das „Zur-Welt-kommen“ ein, fragt grundsätzlicher, verbleibt nicht seiner Zeit, was die Mutter-Kind-Beziehung angeht, sondern spielt stark Entwicklungsgeschichtliches ein, distanziert die Herausforderung, weit weg von der Selbstbetroffenheit in der Zeit, wird frühgeschichtlich und erspart sich dadurch die konviviale Lebendigkeit zu reflektieren, die an anderer Stelle subjektiv die Mütterlichkeit, ein Sätzchen hier, dann anderswo, wie ein selbstreferentielles Signal herb aufscheinen lässt. Neugier wird angereizt, aber nicht bedient. Sloterdijk distanziert das mütterliche ‚Objekt der Begierde‘: Eine Aufwertung beziehungsweise Gleichstellung auf Augenhöhe im geschlechtsspezifischen Unterschied bleibt aus. Nicht einmal Mädchen, zu weisen Frauen geworden, im Ausblick als Philosophinnen angedacht. Immer noch das „rätselhafte Weib“ à la Nietzsche? Was nicht auf dem Suchschirm steht, ort- und zeitgemäß, wird auch nicht gefunden. Die Hexenhypothek wird von Märchen fortgeschrieben.
„Schon auf der Primatenebene ist erkennbar, wie Klima-Vorteile aus der Gruppenexistenz in Entwicklungen einfließen, die auf die Intensivierung der Beziehungen zwischen Muttertieren und ihren Jungen hinauslaufen. Man könnte so weit gehen zu sagen, dass das wichtigste Resultat der Insulation in der Transformation des Jungen zum Kind besteht; hierdurch kommt der Verfeinerungen ermöglichende, partizipative aufgeheizte, zeitgedehnte Mutter-Kind-Raum als solcher erst eigentlich zur Entfaltung. Die Tatsache, dass schon bei den frühen Anthropoiden ein Trend in Richtung auf erhöhte Kindlichkeit ausgelöst wurde, lässt erkennen, dass es die riskantere Lebensform ist. Die Elternrolle bleibt unreflektiert. Im Zeitgeist gilt die Kritik der „heiligen Familie“, als befreiende Legalisierung der Weibergemeinschaft im anderen Gewerbe. Woher Kinder das neu Adelnde nehmen und haben, das findet Anleihe und Neuauflage wie in der römischen Gründungssage.
… Tatsächlich gelten innerhalb von Insulationsräumen verbesserte Sicherheitsbedingungen für die Aufzucht des Nachwuchses … Manches spricht dafür, dass die Kinder die wesentlichen Innovatoren des menschlichen Kulturverhaltens waren.“ (S. 176ff)
Was vorgeschichtlich zu sein scheint, setzt einen nachdrücklichen Denkanstoß, was in das Höhlengleichnis bloß maskulin hineinragt. Noch im gleichen Text ein paar Seiten früher blickt mehr Struktur zur Stufung des Höhlengleichnisses hervor. Bei den Grundfunktionen wäre der Gefahren-Sinn von Platon her richtig akzentuiert; wenn Sloterdijk die Verwöhnungsthese einbezieht, müsste er vom weiter gefassten Signal-Sinn sprechen, der bei Waldvögeln konnotativ Alarmgeschrei, Harmoniegezwitscher wie Tätigkeitsgeräusche kennt. Ich halte mich im Folgenden der Zitation kurz, um nicht das Maß eines statthaften Zitats zu überschreiten. Dies mit dem Hinweis, dass ein Nachschlagen im Buch mit größerem Lohn durch geschliffene Denkanstöße dankt.
„Mit dem Sphärenkonzept wird eine Lücke im Feld der Raumtheorien geschlossen, die bisher weitgehend unbemerkt zwischen dem Umweltbegriff und dem Weltbegriff aufklafft. Wenn Umwelt-Haben ontologisch als Umschlossensein von einem Ring aus relevanten Umständen und Mit-Bedingungen für organisches Leben verstanden werden kann – vor allem von >Phänomenen< mit Nahrungs-, Kopulations- und Gefahren-Sinn –, In-der Welt-Sein hingegen als ekstatisches Hinausragen ins Offene-Gelichtete zu deuten ist, so muss man annehmen, dass es eine Mittel-Welt-Lage oder ein Zwischen gibt, dass weder Einschluss im Umwelt-Käfig ist noch purer Terror der Hineingehaltenheit ins Unbestimmte. Der Übergang von Umwelt in der Welt zeigt sich in den Sphären als Zwischen-Welten. Sphären haben eine ‚Zwischenoffenheit‘. Sie sind Membranhüllen zwischen Innerem und Äußerem und somit Medien vor allen Medien. Auf diese mittlere ‚Zone‘ deutet Heidegger, ohne sie eigens zu fassen, mit hoch auffälligem Nachdruck hin, wenn er Wörter wie Nähe, Heimat, Wohnen, Haus >ins Feld< führt – Ausdrücke, die Anheimelungswerte auf ontologischer Ebene anzeigen. Das Sphärische ist der Mittelwert zwischen der dichten Animalischen Umringung und der lichten Apokalypse des Seins; es erlaubt seinen Bewohnern, sich zugleich in der Nähedimension und im Ungeheuren der Weltoffenheit und Weltäußerlichkeit zu lokalisieren. Es richtet die ursprüngliche räumliche >Struktur< von Wohnverhältnissen ein. Zugleich können Sphären als Austauscher zwischen Formen der animalisch-körperhaften und der menschlich-symbolischen Koexistenz fungieren, weil sie die physischen Berührungen, einschließlich des Stoffwechsels und der Fortpflanzung, ebenso wie die Fern-Intentionen auf Unberührbares wie den Horizont und die Gestirne umgreifen.“ (S. 173)
Sloterdijks Struktur des Höhlengleichnisses hat die Abstraktionsebene höher gefasst. Die Höhle selbst wird in der Elementarität fasslicher, doch was „lichte Apokalypse des Seins“ heißt, Heideggers begrenzte Welterschlossenheit im Lichtschein ist, das verteidigungswerte Sein, lässt im Zusammengriff Wesentliches der Aufbaustufen aus: Schatten, Spiegelungen, Sprachbilder, Kartenwerk, so nebenbei das ursprüngliche Wahrheitsverständnis von Abspiegelung und Abbildung, resultativ, und der Wirklichkeit in Bewegung als Bilderfolge, prozessual. Mit dem gestirnten Himmel bleibt diese Wahrnehmung noch beim Stehbild des Ewigen, noch nicht kopernikanisch geöffnet, doch Sloterdijk weiß das Irdische nochmals im Text „Tatzeit des Ungeheuren“ zu steigern, das Rücksichtliche mit neu Aufblitzendem zu überschreiten und den Himmelsgestirnen des Höhlengleichnisses neuzeitliche Bedeutung zu geben.
Rücksichtlich der Aufbaustufen, von der höchsten Stufe des Höhlengleichnisses zurück zur ersten Wahrnehmungsstufe im Freien: Schatten, die anders sein müssen als die Schatten in der Höhle und die da ungelöste Rätsel haben entstehen lassen. Es ist Sloterdijk ein exzellenter Wurf einer Abhandlung gelungen, bei dem nur zu mutmaßen ist, ob der Leitimpuls der Schattenklärung sich dem Höhlengleichnis verdankt oder aus einer philosophischen Frage nach dem fasslicheren Anfang unseres Bewusstseins. Das Höhlengleichnis bietet mit dem Schatten im Freien einen Anknüpfungspunkt, jedoch rein vom nichts besagenden Wort Schatten her ergeben sich Schwierigkeiten, auf irgendeine Relevanz gestoßen zu werden. Anders, vergleichsweise gesehen, das Wort Schnee bei den Inuit, von dem gesagt wird, dass differenzierte Wahrnehmung in der Sache es auf etwa 100 Unterschiede durch Bezeichnungen bringt. Also in der Konsequenz, was in der deutschen Sprache Schatten heißt, ein Wahrnehmungsmangel, der einer anderen Wechselwirkung von Umwelt und Mensch für Versprachlichung entsprungen ist? Ja und Nein. Auch das Höhlengleichnis gibt dem Nachdenken genügend Anhaltspunkte für die Auflösung von Schwierigkeiten, aber in der Weise, wie schulisch den jungen Leuten ausnahmsweise zugemutet wird, den Satz des Pythagoras selber neu herauszufinden und aufzustellen.
Bei Sloterdijk sind erleichternde Zugänge zu unterstellen, die zugleich die Höhlengleichnisinterpretation schärfen helfen, so Descartes mit der Dyade „res extensa“ und „res cogitans“, Hegel mit der Triade „Sein“, „Nichts“, „Werden“, Heidegger mit der Dyade von „Verborgenheit“ und „Entbergung“, ja, Sloterdijk selbst, sprachschöpferisch erweiternd, simplifizierend, nicht gedanklich absolut, die Dyade von der „Black Box“ und „White Box“ aufzeigend und in der Vielschichtigkeit produktiv ausführend, in der Selbstverkehrung dazu, das Helle und Weiße als Wissen plötzlich als größtes „Unwissen“ und das Dunkle und Schwarze, das Nichtswissen als Springquell einer immer größeren Wissensvermehrung. Auch spricht er den verborgenen Anfang im Freien unter dem Schatten als Denkbeginn aus, ein Denken, das nicht erst mit der Wahrnehmung der Himmelsgestirne einsetzt, sondern seinen Entwicklungshöchststand erreicht hat. Die Schachteln Schwarz und Weiß sind über das Sonnensystem hinaus neu entstanden und noch größer geworden.
„Die Geschichte des radikalen oder mit Ursprüngen befassten Denkens, das als Philosophie auftrat, kennt im Grunde nur zwei Arten, mit dem Denken anzufangen. Wir nennen sie den schwarzen und den weißen Anfang. Beim weißen Anfang setzen wir so viel wie möglich voraus, tendenziell alles, beim schwarzen so wenig wie möglich, bis an den Grenzwert von nichts. Wer weiß bevorzugt, der wettet auf die Offenheit der Welt, er lässt sich tragen von der Gewissheit, dass uns, indem wir die Augen offen halten, immer schon das Universum in selbstgenügsamer Ganzheit sich zu sehen gibt. Dies entspricht einer Welterfassung im olympischen Modus; begreiflicherweise erscheint dieser in der Geschichte der Intelligenz an relativ später Stelle, denn er hat zur Voraussetzung, dass Menschen einen Gott konzipieren können, der weder arbeitet noch interveniert; es ist dies der berühmte Gott der Philosophen, der heute unter dem Codenamen Beobachter wieder Achtungserfolge beim wissenschaftlich interessierten Publikum erzielt. Sein Weltverhältnis lässt sich am besten als Erleuchtung im weißen Kasten beschreiben.
…
Dem steht, etwa in den östlichen Meditationsschulen, aber auch im westlichen Denken wie bei Descartes und bei Ernst Bloch, der schwarze Anfang gegenüber. Hier versenkt sich die Intelligenz in eine künstliche Dunkelheit, die herbeigeführt wird durch Absehen von allen Weltgewissheiten und durch radikalen Zweifel an den sogenannten Sinnesdaten. Mit geschlossenen Augen brütet das Subjekt im Dunkel des gelebten Augenblicks und exploriert einen fiktiven Zustand, in dem es noch kein Wissen, keine Operationen gäbe, sondern nur Drang und begriffslose Vorgefühle. Um mit Kafka zu reden, entspricht dies einem Leben im Zögern vor der Geburt. Ernst Bloch hat … formuliert:
‚Ich bin. Aber ich habe mich nicht./ Darum werden wir erst.
Das Bin ist innen. / Alles Innen ist an sich dunkel.
Um sich zu sehen und gar, / was um es ist, muss es aus sich heraus. ‘
Daraus ergibt sich eine Philosophie des Exodus aus dem ursprünglichen Dunkel. Sie deutet die Welt nicht als etwas von sich her immer schon Offenes, sondern als etwas, was vorhergesagt und gebaut werden muss“. (Erleuchtung, S. 325ff.)
Peter Sloterdijk leuchtet beispielhaft und eindrücklich die Black Boxes aus: Grab, Körper, Buch, Bürokratie, komplexe Maschine. Suspekt bleibt ihm das „Gespenst des absoluten Wissens“ der europäischen Wissensgeschichte. Da meldet sich das Falsifikationsprinzip an, dem Aufhebungsprinzip, sich einer größeren Schachtel einzuordnen, entgegen. Am Höhlengleichnis Stufe um Stufe nachvollziehbar, was die Aufhebungsschritte des noch merkmallosen Sehens im Freien sind: merkmalsbestimmt, bilderhaft, wortbezogen, kartierend, den Gedanken denkend unbedingt.
Das Medium der Kartierung selbst gerät Sloterdijk nur indirekt anwesend, was mit der „Geodizee“ inhaltlich ausgeführt wird, aber weitab von einem Hegel, der die liegende 8 durch das Wechselspiel von „verkehrter Welt“ einbringt, mit Platons Sonne einfacher zu verstehen, die der Erde die Jahreszeiten hervorlockt, als liegende 8, und zwar der nördlichen und südlichen Hemisphäre, diese beiden einander gegenläufig, hier Winter, da Sommer. Solche Polarität als Natur der irdischen Jahreszeiten, der geschlechtlichen Lebewesen, der Kräfte der Gravitation, Elektrizität, des Magnetismus.
Auch das Sprachenkostüm, heideggersch vorgeprägt, springt zu kurz, bringt sofort die Sprachschachtel als Haus des Seins ins Spiel, nicht das Ideelle, den hervorbringenden Wechselwirkungsmechanismus, from the bottom up, verkoppelt mit dem Sehenden für das Verstehenkönnen durch das unterlegte Identifizierenkönnen, ob bildlich, bilderbewegt unterlegt oder übertragener Sinn, fürs Verstehenkönnen immer notwendig. Das bringt noch einmal auf Platon zurück, nämlich was die Spiegelungen für einen nachvollziehbaren Wahrheitsbegriff leisten, der bei Heidegger mit dem Aletheia-Wahrheitsverständnis von Verborgenheit und Entbergung zur Box des ungezählten Seienden wird, was es da alles zu entbergen gibt, ohne eine allgemeine Wahrheit für das Ganze selbst zu haben, die den Seinsvergessenen mit der Seinsfrage gestellt wird und die dann durch den Entwurf einer Polis-Reform Platons Geleit für den Selbstentwurf nach gut zweitausend Jahren erfährt, nicht über Konstruktionsfehler der Poliswelt hinaus. Das friedliche Interludium der Olympischen Spiele kein aufkeimendes Ahnen der Idee für eine befriedete Poliswelt. Stattdessen eine Polis mit der besten Wehrhaftigkeit, die dann der römische Stadtstaat geworden ist, erfolgreich als Imperium Romanum, das sich die griechische Poliswelt einverleibt hat. In dieser Struktur auch die der Heutigen noch.
Die Kurzsichtigkeit Platons in Bezug auf die Poliswelt hat die Wahrheit der Spiegelungen im Wasser, was die Jahreszeiten betrifft, nicht aufscheinen lassen. Wiederkehr des Gleichen, so die Jahreszeiten, sie wollen je gute Weile haben. Ist der Frühling entschwunden, ist auch die Wahrheit der Spiegelung entschwunden und der Naturkreislauf braucht seine Weile für den nächsten Frühling, um das Bild von ihm im Wasserspiegel wie in der Erinnerung des Beobachters als Wahrheit zu bestätigen. Platon hat seine Politeia nicht von der Weile, welche die Verwirklichung der olympischen Friedensidee für die Poliswelt brauchen könnte, gedacht, sondern vom unmittelbar gegebenen Stadtstaat her, diesen für sich in eine herausragende Selbst- und Machtorganisation zu bringen, um in der kriegerischen Poliswelt bestehen zu können, nicht in Anknüpfung an den Olympischen Geist, der die gemeinschaftliche Lebens- und Friedensorganisation umsetzbar aufscheinen lässt, eben in der Weise, wie die Naturspiegelungen lehren, weitab vom Wunderglauben, auch von Abkommen über die Stadtstaaten hinweg und den erreichten Absprachen und Beteuerungen und der Geltung von jetzt auf gleich entgegen, nämlich dass Wachstumszeit für den Befriedungsgeist vonnöten ist. Und klug mitbedacht, dass diese so sehr wichtige Weiterung neben der militärischen Tüchtigkeit für eine gemeinsame Friedensordnung in der Poliswelt nicht weniger wichtig gewesen wäre, und zwar hier zunehmend friedlich und da abnehmend kriegerisch realisierbar, beides zugleich. Es korrespondiert nach wie vor die antike griechische Welt im Wesentlichen mit Herausforderungen unserer heutigen Welt. Wo für den Frieden nicht gesät worden ist, die Saat nicht wachsen und reifen konnte, kann dieser auch nicht geerntet werden. Die Aquinatenformel der Wahrheit, sie ermöglicht und befähigt zu erreichbaren Erfolgen der Bewahrheitung von den Bedingungen der Notwendigkeit wie der Freiheit her, modern gesprochen, Investitionen in Sachen und Menschen und Begleitung und Sicherstellung der Erzeugung und Befähigung auf dem Weg zum Ziel einer befriedenden Weltordnung, im Geist der gegenseitigen Freiheit und universellen Vernunft.
Es ist nicht alles Gold, was glänzt. Highlights, die ein Licht aufstecken, verbinden sich mit Sloterdijks Versuch, sein philosophisches Erwachen via Nietzsche und Heidegger wie auch die naive Identifikation zu überspielen und sich gegen die vorherrschende „Kritische Theorie“ seiner Zeit zu rehabilitieren, nämlich mit Nietzsche und Heidegger keinem Fehlgriff erlegen gewesen zu sein. Im neuen Jahrtausend (2019) sollte er weiser für so manche Korrektur mehr geworden sein. Die Volte liest sich brillant. Mit Heidegger gar Heidegger widerlegen. Er verhält sich in diesem Zusammenhang als Philosoph wie nicht selten in die Kritik geratene Politiker, denen vor Publikum ein unangenehmer Fehler unterlaufen ist, der erst im Umgang mit der „Fehlleistung“ zum Dunkelfleck von Uneinsichtigkeit und Starrsinn wird, dann dem Betroffenen auf die Füße fällt, ihn verdächtig macht und ihn Abstrichen in der öffentlichen Wertschätzung für Vertrauenswürdigkeit aussetzt. Wäre nur das, gutgläubig von falschen Wegweisern befallen zu sein und Kritik zu erfahren. Es geht um mehr.
Der Infektionsgefahr ist vorzubeugen, wenn da durch die eigenen exzellenten Reflexionsstücke so nebenbei eine Aufwertung und Exkulpation zu den beiden angeführten Denkern betrieben wird, als ginge es um den gleichen Geist, der da nahegelegt wird, zwei Denker, die verhängnisvolle Orientierungskraft ausgeübt haben und historisch-politisch in wesentlichen Dingen gegen ein vernunftgeleitetes Menschentum gestanden haben. Die Weise, in der Sloterdijk unauffällig die Anteilhabe am Desaster als Epochenschicksal kennzeichnet, ist das Verweben eines ungefähr Gewussten der Neuzeit als „Weltalter des menschengemachten Ungeheuren“ bloß verschleiernd, das antwortlos mit Fragen konfrontiert, Fragen nach „Tatzeit“, „Tatort“, „Mittäter“, „Mitwisser“, „innerhalb des Gesamtungeheuren“. Ja, das, kriminalistisch angeschärft und als Großverbrechen gesehen, an Deutschlands Absturz in die Katastrophe denken lässt. Nicht weniger an den atomaren Paukenschlag und den sich ausmalenden Untergangsblitz, Auslöschung der Gattung Mensch, also von den düsteren und den tatsächlichen Entwicklungen her, auf ein fürchterliches Ende ausgerichtet. Dagegen sind die sogenannten großen Selbstdenker, Wegbestärker, Geistesorientierer und je ihre Rolle, ihr Schaffen und Tun für das neu Aufgegebene, eben hier Nietzsche und Heidegger, keine guten Wegweiser. Sie sind noch toxisch.
Für Sach- und Geschichtskundige, wie belehrt, der Verführung mit den anreißerischen Reiz-, Stark- und Kampfworten wie den Scheinlösungen nicht mehr erlegen, aber jene, noch unbefangen, den im Original noch Unkundigen, aber durch Auslassung oder Abschwächung Eingestimmten, auf der nachgezeichneten Ebene noch im gemilderten Licht ohne Argwohn,, unvorbereitet darauf, was dann bei weiterer genossener Lektüre im Original toxisch eindringen kann und durch Widerfahrnisse das Toxische zur Wirkung bringen kann. Nicht durch harmlose Signalwörter einer Zeitenwende: „Gott“, „Metaphysik“, „Theologie“, „Machtgeschichte“, „Epoche des Auszugs aus dem Haus des Seins“. Das lässt die tatsächlich epochemachenden Worte vergessen: „blonde Bestie“, „ Arier“, „Vernichtung Millionen Missratener“. Tatsächlich dann auch noch abgefeimter: „Herrenvolk“ „Schutzhaft“, „Kristallnacht“ „Germanenzug umlenken“. Nietzscheanisch mit dem Willen zur Macht der Umzug in ein größeres Haus des Seins? Heideggers Weckruf gegen die Seinsvergessenheit der deutschen Welt, nicht über die anarchische Poliswelt der Selbstbehauptungen hinaus, Nietzsche, mit dem Lebenselixier des arischen Kriegerstolzes und Lust auf kämpferische Selbstbewährung in die Anarcho-Welt der Entdecker, Eroberer, Krieger und Selfish-Akteure hinein. Wie naiv muss da das Unternehmen „Mohrenwäsche“ sein? Es gibt verhängnisvolle Spätzündungen, Schatten aus der Vergangenheit, der als Judenfeind durchgelassene Konfessionsstifter, in der Reichskirche ganz lebendig. Die mit dem Gottesmord und schrecklichen AT-Geschichten Belasteten, eine kleine Konkurrenz, dagegen die Heilsbringer der Welt mit dem NT, übermächtig gegen den unliebsamen Erstgeborenen des Monotheismus!
Höhepunkt des Höhlengleichnisses ist die Gewärtigung des gestirnten Himmels, die Sonne, die der Erde täglich Licht, Wärme, Leben gibt und die Jahreszeiten prägt. Der Mond und die Sterne, die ein Einteilungsmuster der Übersicht für die Jahreszeiten im Ganzen und fortschreitend im monatlichen Zeittakt eine halbjährliche Übersicht an entsprechenden Monaten unmittelbar bereithalten, eine kalendarische Himmelssicht. Hier setzt Sloterdijks Neuwahrnehmung an, die der neuzeitlichen Raumerfassung des Ganzen der Erdenwelt, europäisch erfasst und planetarisch begriffen, als Geodizee ausgesagt wird. Dimension der Zeit, in der die Geschichte des Erdenrunds zum menschlichen Handlungsfeld avanciert, als Körperfläche begrenzt, Umrundung der Erde, zeitlich bestimmbar, im Ende auf den Anfang für neuen Ausgang zurückgebracht; Erdkörper selbst zeitlich von beiden Einspielungen getragen, von der des Vergangenen und Zukünftigen, im Zurück das Voraus ausrichtbar und vom Fortschrittlichen das Rücksichtliche vertiefbar: Projektionsfolie der kommenden Möglichkeiten der Gattungsvernunft. Den Griff nach den Sternen schon vor Augen, und zwar eine Zukunft als „Machtadvent“ wahrgenommen. Letzteres liest sich für den großen Gott als Rambo mit Feuer und Blitz, eindimensional, nietzscheanisch. Novum und Zäsur. Anfänge, die Gretas Schulstreik ins Bild holen. Der hoffnungsvolle FFF- Zug junger Leute In friedlichen Demonstrationen auf den Straßen, weltweit einflussnehmend, Konsequenzen aus wissenschaftlichen Einsichten anmahnend, die globale Klimakrise nicht einfach laufen zu lassen. Schulreport anders: Emanzipatorisch, auffällig mädchenstark. Was für eine Leuchtspur, was für eine Leistung, den vergangenen Jugendverführungen und den gegeneinander aufgebrachten Lemmings-Zügen von überkommenen Vorwärtsverteidigungen entgegen!
Geodizee: Die Erde ist erkundet, keine Scheibe mehr, ist umrundet, ist eine Kugel, eine begrenzte Größe, von endlichem Vermögen her bestimmt, als Erdkörper zugleich ein Himmelskörper, wie nahebei andere Planeten auf Bahnen um die Sonne auch, noch kaum erforscht. Ein sagenhaft gesteigertes galaktisches Schachtelwissen, plakativ, kaum inhaltlich. Der Heimatplanet selbst, ein exploratives Modell für Ableitungswissen als Erkundungsgröße im Griff nach den Sternen. Ein Planet, der sich als „verkehrte Welt“ präsentiert, Jahreszeiten der beiden Hemisphären einander gegenläufig, hier Sommer, da Winter. Naturgaben der Erde, die Menschen nähren, Verbindungsgeflechte, ob Wasser- oder Landstraßen wie auch Flugrouten, die Räume des Erdganzen, die Kontinente und Meere, Länder und Inseln, Wüsten, Wälder und Seen, Einwurzelungen und Austauschprozessen, vielerlei Kartenwirklichkeit im Überblick, Schätze, Naturleben der Jahreszeiten, die den Lebensgestaltungen dienen. Alles Räumliche, ob Erd- oder Luftraum, hängen in sich zusammen. So auch die Naturgewächse, Lebewesen und Menschen in Räumen, irgendwie wodurch im Zusammenhang und gar miteinander verknüpft und zum Erdkreis, Erdenrund geweitet. Es lohnt wirklich, Sloterdijks Aufriss und Gedankenanstoß zu lesen und globale Wachheit für natürliche Lebensbedingungen, Funktionenspiel in der Staatenwelt und freiheitliche Völkerentwicklungen zu gewinnen
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„Die Moderne ist die Tatzeit des geologischen Ungeheuren, wie sie den Prozess der geologischen Aufklärung in globalen operativen Routinen durchführt. Das 20. Jahrhundert spielt in der Tatzeit der Moderne insofern eine kulminierende Rolle, weil in ihm die historischen und regionalen Alibis zunehmend ausgetilgt werden, um potentiell alle Zeitgenossen als Zeugen und Komplizen des menschengemachten Ungeheuren zu verpflichten. Im 20. Jahrhundert explodiert die Bilderwelt vor allem im Sinn der flachen Ungeheuerlichkeit: das Erdbild ist nun der Rahmen für den Raum, durch den alle anderen Bilder zu transportieren sind. Die Erde ist die Illustrierte, auf der alle anderen Illustrationen zirkulieren“
Millennium: Auch das Zeitliche des Erdenlebens ist getaktet, nicht nur nach Zeitzonen oder Zeitepochen nach hinten erkannt oder nach vorn noch offen, der Gegenwart nach für das Ganze des Erdenrunds und als Erschlossenheit ganz und gar noch eine neue Herausforderung, das Verstreute einander für Anschlüsse zusammenzubringen, den Planeten auf ihren berechenbaren Bahnen vergleichbar, geordnet, eine Mitte in Bezug auf die Kreisbahn habend, überall und nirgends, für das Erdenrund und ihren gestaffelt und zeitlich bestimmten Reichweiten auf Umrundung und Erschlossenheit des ganzen Erdkörpers hinaus, aufsteigende planetarische Sphären der Handlungskreise, ein geschichtliches Millenniumdenken unterwegs, den Kommunismus neu definierend, nicht bloß als Völkerrecht, oder durch Militärstrategien Rivalisierender oder Wirtschaftsbeziehungen Konkurrierender oder Ferntourismus Erlebnishungriger, all das auf der Basis des Synchronisationsdenkens weltweit zeitlich abgestimmt. Die Neuzeit sei Menschheitszeit „en marche“, von zunehmenden Notwendigkeiten im gesteigerten Stoffwechselprozess auf dem Planeten Erde von schöpferisch gesteigerter und losgelassener Vermögenskraft diktiert: Nun vom Klimawandel bedroht. Menschheit am Wendepunkt.
„Wo Menschen ihre Lage in Raum und Zeit nach modernen Standards auslegen, müssen sie sich als Angehörige einer Zwangskommune begreifen, die kein Entrinnen mehr zulässt – wer Globen und Nachrichten gesehen hat, kann sich über seine Zusammengehörigkeit mit dem Rest der Gattung kaum Illusionen machen; wir sind jetzt gleichsam wider Willen Chronokommunisten und Biokommunisten geworden, entsetzte Mitglieder einer genetischen Universalkirche, die uns von allen Seiten mit Verwandten umzingelt. Modern ist, wer sich fragen muss, was die Chinesen und Isländer heute treiben.
… Was wir Modernität nennen, ist Komplizenschaft mit der synchronen Weltform; Modernität ist die Umstellung der Lebensformen auf Synchronweltroutinen; Modernismus die Gesinnung dieser Umstellung als Existenzialismus. Er impliziert die ultimate Form von Egalitarismus als Gleichheit aller vor der homogenen Erdgegenwart. Diese realisiert sich als Gleichheit der Menschen vor den Nachrichten. Denn Nachrichten sind nicht nur ein weltsprachliches Genre im oben genannten Sinn neben anderen, sondern zugleich Vollzug der Umstellung von Historismus auf Aktualismus.“
Kunstgeschichte und Nichtsgeschichte: „Nach dem Ungeheuren als Raumform und Zeitform der Moderne ist vom Ungeheuren in den Dingformen zu sprechen.“ Es ist gut zu wissen, dass Hegel, der von Sloterdijk am Ende für die Selbstkorrektur aufgegriffen wird, seinen philosophischen Naturbegriff im Sinne von reiner Naturwissenschaft mit den Kategorien Raum und Zeit fortgeführt hat. Sloterdijk heideggert verdeckt weiter. Was bei Hegel naturwissenschaftlich als angewandte Naturwissenschaft der praktische respektive technische Teil wäre, versteht Sloterdijk von Nietzsche und Heidegger her kommend als kunstgeschichtlichen und nichtsgeschichtlichen Zusammenhang, technikbasiert, den es modernitäts- und zukunftsbestimmend aufzugreifen gelte. Das Vokabular verrät, von woher der geistige Frühwind weht: Lebenswelt, Nihilismus, Gemächte, Technik, Samsara, Nirvana. So spielt sich ein erstes Bild der Orientierung ein: „Die Werke der Kunst sind wie die der Technik eigentlich die Kinder des Nichts.“ Von Heidegger angestoßen: Warum noch das Seiende „und nicht vielmehr Nichts?“ Eine gewagte These, nur das Dingliche inthronisierend, durch kontextuelle Plausibilität gestützt: Tatzeit des Ungeheuren, aus dem „Nichts“ in die Welt gekommen, nicht aristotelisch geträumt, nämlich Maschinen, die einmal Menschen von der Arbeit wegtreten lassen, die dem Subjekt zugutekommen und das Glück der Muße schenken. Roboterisierung, die den Menschen überflüssig macht, mit Ersatzteilen einer wundersamen Technik anfängt, alles kontaminiert und gänzlich der Technik unterwirft. Yuval Harari lässt grüßen.
„Die Moderne als das Millennium der fortschreitenden Verkünstlichung hat ihre Substanz demnach im Technischen als progressive(r) Eroberung des Nichts. Die Tiefe der Zukunft ist heute nur als Komplex von Wachstumsdimensionen des Artifiziellen zu denken. Ein solcher Zuwachs aber lässt sich nicht mehr als Phase der Seinsgeschichte betrachten; wer ihn begrifflich berühren will, muss ihn als Nichtgeschichte in Entfaltung auffassen. Das Nichts gibt sich mehr und mehr als eigentliches Element der Fortschrittsfähigkeit zu erkennen. Wenn dem Sein durch Denken zu entsprechen ist, so sind die Entsprechungen zum Nichts gewagte Sprünge in die Operation: das Wollen, das Handeln, das Komponieren sind adäquate Antworten auf die Erkenntnis, dass im Nichts zwar nichts zu erkennen, doch alles zu vollbringen ist.“
„Nichtsgeschichte in Entfaltung“: Sloterdijk übergeht das, was die mathematische Entbergung respektive experimentell gewonnene Einsicht in Naturgesetzliches ist, dinglich bzw. technisch Übersetzbares. Das Nichts existiert also als das Mögliche, noch verborgen in Mutter Natur wie auch in der Menschennatur, der Entbergung offen. Kunstgeschichte nach Hegel hält sich an das Bleibende als Festzuhaltendes an Objektivationen einer Welt, der Natur abgerungen, vom Geist des Menschen, als Geist vom Geist, hervorgebracht, durch Kunst in Präsenz gesetzt, hegelsch noch Reich und noch nicht Welt der Kunst und des Schönen.
„… Das moderne Denken hingegen ist von seiner eigenen Mächtigkeit benommen; es fällt sich selber auf als Kraft, Vollzug und Können; es folgt, zunehmend beunruhigt, aktiviert und aufmerksam geworden auf seine eigenen Akte, der menschengemachten Geschichte, die es nun endlich planvoll durchzuführen gilt. Es mischt sich in ständig steigendem Maß ein, in ‚das, was ist‘. Im Verlauf seiner Hebung musste sich ein Punkt nähern, von dem an der Menschenwille mächtig genug wurde, zum Konkurrenten der klassischen Substanz aufzusteigen. Nun verloren Natur und Sein ihr ontologisches Monopol: sie sahen sich provoziert und abgelöst durch Serien künstlicher Schöpfungen aus dem Nichts und die Heraufkunft einer postnaturalen Willenswelt.“
Das Reich bzw. die Welt der Freiheit, sie fängt vom Menschen her nicht mit dem Willen, sondern als Geschöpf der Natur mit eigener potenzieller Schöpferkraft, und zwar mit der Selbsterkenntnis und dem daraus gewonnenen Selbstbewusstsein an, wie denn auch immer wieder leidvoll im Widerstreit von physikalisch Sachkompetenten und selbstbezogenen Subjektinteressen erfahren wird, als ungeregeltes Spannungsverhältnis von Notwendigkeit und Freiheit. Das mit den Schlüsselgewalten Atom – Gen – Bit liest sich naturwissenschaftlich-technisch, wäre Skelett oder „Gestell“, Mathematisches in Technik umgesetzt, lässt aber die subjektive Dimension des Menschen selbst außen vor, dem die Kraft innewohnt zu wollen, was der gattungsgeschichtliche Mensch für sich selber will, hegelsch, universell in der naturphilosophischen, geistesphilosophischen und weltvernünftigen Selbstbefreiung unterwegs, dem geschichtlichen „Fortschritt im Bewusstsein der Freiheit“ verbunden: nicht mehr nur anfänglich, einer anführend, alsdann schon einige hervortretend, vorherrschend, schließlich alle: frei, gleich, gerecht! Ein weltpyramidales Aufbauwerk des Ganzen der Teile. Der kinetische Impuls der Durchdringung des korpuskularen Ganzen ist aktiv als der weltöffentlich kommunizierte Geist!
„Es nimmt nicht wunder, dass die Hochburgen des Seins im hochkulturellen Zeitalter immer schon einen dunklen Schatten um sich schleichen sehen – eben jenes Nichts, das zunächst (unter der Vorherrschaft eines einwertigen Seinsbegriffs, nach welchem nur Sein ist, Nichts hingegen nicht) nur als das Sinnwidrige, Nichtige vorgestellt werden konnte, das die Menschen mit Trugbildern und Phantomen narrt. Mit dem neuzeitlichen Nihilismus jedoch wurde die neuzeittypische Macht des Menschen, vorbild- und bodenlose Handlungen zu begehen und Neues zu erfinden, offiziell erkannt … Nichts wird jetzt zu Etwas – das ontologische Feld stellt sich mehrwertig dar. Der üble Schein vom Nichts des Nihilismus ist seither abgeblättert.“
Mais non, für ein Surplus zum Höhlengleichnis solche zugemuteten Klimmzüge! Das Einwertige ist komplizierter, was den Einheitspunkt als coincidentia oppositorum betrifft, sich am Ende nicht in Nichts, sondern hegelsch als Dialektik von Sein und Nichts zum Anfang des werdenden Wissens auflösend, dem wechselseitigen Übergang ineinander, ein Fortschreitendes durch beide, des sich Auswickelnden, dem „ist schon“ und „ist noch nicht“, auf Vollendung des Anfänglichen hin, via Stufen und Ebenen, raumzeitliche Regentschaften als geltendes Depositum, das fortschreitend neu Begriffene des Gewussten als Fortschritt!
So ist das nun einmal. Geschrieben ist geschrieben. Angst vor dem Salto mortale. Man tut sich damit schwer. Findigkeit gefragt. Wie erkannte Einseitigkeit korrigieren und die Korrektur einbringen? Leichte und machbare Korrekturen für eine Neuauflage vornehmen, Textgruppen verändern, auf neuen Titelfang setzen? Jedoch fragt sich, kann der Anreiz stark genug sein, um auch einen Doppelkauf an die Zielgruppe einer Leserschaft zu bringen? Sloterdijk nimmt beide Möglichkeiten wahr, bringt eine strategische Weiterung ein. Das Eindimensionale wird „mehrwertig“ und seine Bücher darüber hinaus, über „Nach Gott“ und „Den Himmel zum Sprechen bringen“ thematisieren die Seite der Subjektivität, aber auch wieder einseitig, nicht korrelativ, dialektisch, zusammengehörig, aber jedoch so, mit Nietzsche den kruden Nietzsche überholend, notwendige kritische Denkanstöße den Zurückgebliebenen und Upgradebedürftigen in ihren jeweils mentalen oder gläubig überkommenen Gewohnheiten sachlich, konstruktiv und überfällig eröffnend.
Was den exponierten Zusammenhang von Kunst und Technik angeht, muss die Kritik, die in den Reflexionen zum Tragen kommt, als Hinweis auf Ignoranz der Kunstszene selbst gesehen werden, dass die Technik eher museal, aber nicht künstlerisch zum Zuge kommt und in der Kunst so gut wie nicht stattfindet und kaum ihre Wahrheit in der Sache zukunftsfähig zu denken aufgibt, insonderheit mehrwertig, Zusammenhänge und Zusammengehöriges. Sloterdijk hat nicht die Verarmung und Vergewaltigung der Lebenswirklichkeit durch technologische Kopf- und Kunstwesen in der Weise registriert, die maßgebliche Physiker nicht so sehr eindimensional gesehen, sondern pendantbedürftig mit Blick auf die Religion gesehen haben, nicht uneigennützig, nämlich um Menschen in Tugenden, der Ordnung und der Regierbarkeit für die naturwissenschaftliche Zunft und für ihre Orientierungen und Applikationen gewogen zu halten. Das spricht sehr dafür, wie wichtig sich dieser naturwissenschaftlich-technische Elitebereich selbst nimmt und sich in eigener Wertschätzung und Wichtigkeit auch ohne korrelative Bedürfnis-, Sorge- und Sehnsuchtswahrnehmung für das Glück der Menschen überhaupt in der gemeinsamen Welt verhält. Das Interesse gilt der Dienstbarkeit, nicht einem humanen Abstimmungsbedarf. Andererseits nicht anders die geisteswissenschaftlichen Repräsentanten, deren Einfluss gelitten hat, vornehmlich von ökonomischen, rechtlichen und politischen Formaten in den gesellschaftlichen Veränderungsprozessen der Staaten überschattet, noch nicht über sich hinaus und sich für die philosophische Weltvernunft begreifend, kurzsichtig der Unschärferelation im Aktion-Reaktions-Feld erlegen.
Hans-Georg Gadamer, der Hermeneutik verpflichtet: „Wahrheit und Methode“, hat selbstredend in vielen seiner Schriften und Texte nicht auf einen mathematischen Primat erkannt, sondern auf den wesentlichen Zusammenhang von Wort und Zahl, wie am Menschen der Körper aus Fleisch und Blut und nicht nur ein Knochenskelett ist. Es ist ja richtig, dass die mathematische Bedeutung in überwältigender Weise zugenommenen hat, zum tragenden Gerüst der Welt geworden ist, von Algorithmen bis hin zur künstlichen Intelligenz , aber in Erforschung und Anwendung nicht ohne die Sprache, die Suchen und Finden lässt, nicht ohne das Denken dieses Zusammenhängenden für das Warum und Wozu! Es irrt Sloterdijk in der einseitigen Hochschreibung von Kunstgeschichte und Nichtsgeschichte, losgelöst vom Pendant der Kultur und Religion, nämlich wodurch gebunden und kultiviert wird, wodurch der Mensch Berechtigung erfährt, sein Selbstsein einzubringen, beide Seiten, hegelsch gefasst, von der Philosophie, vom universellen Begriff auf ganzheitliche Übereinstimmung ihres Ideellen in Kunst und Religion schlussendlich auf das Reelle ausgesagt werden und auszusagen sind. Dies schon mit hohem Grad an Upgradebedürftigkeit und Systemrelevanz. Wir müssen die Artifiziellen fürchten, die unbewandert vom Leben in den existenziellen, kollektiven und ideellen Facetten auf die digitale Weltprogrammierung losgelassen werden.
Literatur
Hermeneutik setzt für auszulegende Texte eine gründliche Selbsteinlassung im Textverständnis und ein mehr oder minder großes Hintergrundwissen voraus, um Textaussagen rein sachgemäß zu verstehen und Schwierigkeiten im Verstehen auflösen zu können. Der Text des Höhlengleichnisses enthält für die Auslegung viele Stellen wie verrätselt oder so wortverdichtet, dass davor kapituliert wird, vom Lernenden bis hin zu Lehrenden mit höchster Reputation. Äußerst selten das Eingeständnis, die Einräumung, der Aufgabe nicht vollständig und schlüssig gewachsen gewesen zu sein, sondern schwierige Stellen ausgelassen und übersprungen zu haben und dass Vorbehalte gelten müssen, in welcher Relevanz die nicht aufgelösten schwierigen Stellen die Relevanz der Auslegung tangieren. Es ist davon auszugehen, dass textliche Auslegungsschwierigkeiten und ihr vorschnelles Abtun die zu bestehende Herausforderung verkennen, zumal bei einem Platon-Text, als habe stellenweise die sprachliche Sorgfalt gelitten. Beim Gleichnis als Textsorte muss nicht, aber kann, wenn nicht abwegig, das Werk behelfsweise und vergewissernd hinzugenommen werden, nicht jedoch gegen den Gleichnistext selbst, der für sich vollgültige Aussage ist. Gadamer, er eröffnet mit Blick auf Lehrende eine Vorstellung davon, wie hoch die Messlatte für die Auslegungskunst liegt und auch der Zustand der Auslegungsschwäche zu bewerten ist, was die schwierigen, rätselhaften und vermeintlich unlösbaren Aussagen angeht. Das Lehrstück:
Hans-Georg Gadamer, Wer bin Ich und wer bist Du. Kommentar zu Celans >Atemkristall<, Berlin 2019
Projekte haben die Schwierigkeit der Verständigungsmitte in den Beiträgen für ein stimmig zusammengefügtes Puzzle. Der Gleichnistext, bloß vorangestellt, er orientiert sicherlich, aber nicht in der Weise zweckmäßig, ob auch am Ende ein mehr oder weniger stimmiges oder unstimmiges Puzzle im Zusammenfügen entsteht. Was für das Zusammenspiel gefehlt hat, lässt nachfragen: Wäre bezüglich des Höhlengleichnisses ein inhaltlicher Aufriss des Wesentlichen für arbeitsteilige Schwerpunktsetzungen möglich gewesen oder schon an unverträglichen Vorstellungen und Einschätzungen gescheitet? Sloterdijk hat freischwebend den „schwarzen Kasten“ reflektiert, schon die Schattenwahrnehmung im Freien mit dem Licht auf das anhebende Denken und den Wissensbeginn, mit dem aus dem Schatten eine weiße Schachtel wird, verbunden. Eine bereichernde Lektüre, aber der Stellenwert in Bezug auf das Höhlengleichnis selbst hinsichtlich einer Klärung, was den „Schatten“ betrifft, bleibt vage und für den Leser einer je eigenen Auslegung überlassen. Der Zusammenhang von Merkmalsbestimmtheit und Mnemosyne wird nicht hergestellt. Hat er überhaupt die Verschiedenheit von „Schatten“ höhlenintern und höhlenextern klar und deutlich als unstimmig vor Augen gehabt, eben instinktgeleitet noch hier und denkbestimmt da, bei Descartes nicht so, sondern durch das „Ich denke“ des Denkenden ins Spiel gebracht: Bewusst-Sein, von Hegel kategorial als das der ideellen Einheit von res extensa und res cogitans begriffen und sicherlich nicht von Heidegger durch das ontologische Differenzverständnis getroffen worden ist, als vermöchte das ideelle Ich beide Seiten nur getrennt, erst hier und dann da, nicht auch ineins mit Blick auf beide zu sehen und denkend zu betrachten!
Peter Sloterdijk, „Erleuchtung im schwarzen Kasten – Zur Geschichte der Undurchsichtigkeit“, in: Andreas Beitin, Leonhard Emmerling, Blair French (Hg.): Platons Spiegel und die Aktualität des Höhlengleichnisses, Karlsruhe 2012
Eine wahre Fundgrube für Erkenntnisgewinn, für vorstellungskräftiges Verweilenkönnen.. Die Texte in der Summe mit vielen bedeutsamen Aussagen. Von Interesse insbesondere zahlreiche Fundstellen, die sich auf das Höhlengleichnis in den wesentlichen Aussagen beziehen lassen und ein Ganzes ergeben. Das Buch mit den vielen Texten, leider ohne Sachregister zum schnellen Wiederauffinden. Es lohnt die Mühe, beim Lesedurchgang Nachschlagewörter mit Seitenzahl festzuhalten. Den Durchmarsch des Lesehungers zu zähmen, lohnt wirklich, um nachträgliche Vergewisserungen der einen oder anderen Stelle zur Tortur werden zu lassen. Je nach Interesse und Tiefgang, angesichts der dichten Texte und AHA-Passagen gibt es viel nachzuschlagen und fürs spätere Wiederfinden festzuhalten,
Peter Sloterdijk, Nicht gerettet. Versuche nach Heidegger. Frankfurt 2019
Zum Höhlengleichnis finden sich hier unter der Rubrik „Philosophie vom Möhnesee“ Auseinandersetzungen mit gestandenen Größen auf philosophischer Höhe vor (Whitman, Nietzsche u.a.). Aber ebenso gibt es auch viele kleinere Interpretationsansätze in Variation des verspürten Arrondierungsbedarfs (Für Goldgräber zur Einsicht) und einen großen grundlegenden mehrteiligen Durchmarsch (Nachdenken können. Zeit für Goldstaub haben)im elementaren Bereich der Enträtselung wie auch im Weiteren der Relevanzgewinnung. Das Bemühen hat partiell aus didaktischer Sicht die Lernebene der 10./11./12. Klasse vor Augen gehabt, also die Reichweite dieser Lernenden in Begleitung von Lehrenden, gründlich vertraut, selbstkritisch, der Gläubigkeit von Autoritätsverweisen und -aussagen entgegen. Den Prüfstein mit den Textschwierigkeiten liefert letztlich die Selbsteinlassung, in sich suchen und finden zu können, verallgemeinerbar erklären zu können und bestätigt zu finden, diskursoffen. Solche Diskutanten haben einander, auch widerstreitend nicht wenig zu sagen. Im Wesentlichen: Ein Weltthema als Lebensthema, stimmige Haltepunkte, weltklärend, selbstbereichernd, auch hier und da neuakzentuierend, offen im Großen und Ganzen, ein Aufriss, der im Nachvollzug zu weiterer Neugier anregen, wie hier mit dem Upgrade via Sloterdijk eingespielt, etwas davon aufleuchten kann, insbesondere dafür geeignet, die Unmittelbarkeit der Politik auf ihren eingefahrenen Bahnen durch den philosophischen Draufblick für neue Fragen zu öffnen.
Link: horizontoeffnungen. com