EINE FRAGE DER EMANZIPATION
Es ist gefährlich, wenn Politik in geostrategischer Hinsicht ein Genügen an Sichtfahrt hat und Journalismus die geistigen Tiefflüge massenfähig macht und Philosophieren im Hinterhalt lauert, um im Nachhinein die neue Gedanklichkeit als verpasstes Vorhinein auszusprechen und das den Ereignissen Hinterherlaufen zum Status kultiviert, ja, das verkennt die Orientierungskraft des unbedingten Denkens und hintertreibt mit gutem Gewissen die notwendige Selbstanstrengung zwecks Emanzipation.
Wer auch immer Donald Trump in die Verantwortung der US-Politik geschickt hat, ein bösartiger Geist, verrückte Wähler, einfach Enttäuschte, all diesen sei für diesen Weckruf gedankt und die Kritik richte sich an die Tiefschläfer. Sicherlich nicht an Emmanuel Macron, der den „Hirntod der Nato“ ausgesprochen hat, für den der 45. US-Präsident der erste Diagnostiker gewesen ist und die Vertrauensseligen geschockt hat. Seine Kehre lässt nun ungläubig staunen und an einen Entlastungszug mit Blick auf die Impeachmentanstrengungen seiner Gegner denken.
Sicherlich auch, ein US-Präsident in Bedrängnis. Doch ihm, dessen Ersteinschätzung die Nato mit dem Prädikat „obsolet“ bedacht hat, scheint zu einer neuen Einsicht gelangt zu sein, welche Wichtigkeit der Nato im strategischen Denken der US-Politik zukommt, die nicht nur das Geschäftsmodell des militärisch industriellen Rüstungskomplexes betrifft. Von daher ist Macrons Label „hirntot“ wohl nicht die richtige Akzentsetzung und der Ausdruck „scheintot“ wäre angemessener und ließe auf einen neuen Geist zurückfragen, diesen Scheintoten zu neuem Leben zu erwecken.
Emmanuel Macron hat dem US-Präsidenten die Leviten gelesen und nimmt einen europäischen Standpunkt ein. Well done! Doch der Blick vom „Trocadéro“ auf das Marsfeld reicht nicht hin, ist nicht hoch genug, wo die Aussichtshöhe des Eiffelturmes gefragt ist. Was den deutschen Höhenblick angeht, oje, kommt er über Bauchnabelhöhe der politökonomischen Interessen nicht hinaus. Und die Legitimation, die schon Adenauer mit „gelber Gefahr“ beschrieben, nun „chinesische Bedrohung“ heißt, ist nicht vom anzustrengenden Friedensgeist geprägt, der die Notwendigkeit auf dem blauen Planeten geworden ist und in dreifacher Weise der Herausforderungen des In-der-Welt-sein einzulösen ist: Liebe und Hass – Wohl und Wehe – Krieg und Frieden.
Trump steht für „hirntot“ überhaupt. Er steht in der Linie der Keule, mit der Kain seinen Misserfolg zu bekämpfen suchte, den Brudermord begangen und den Landesfrieden gebrochen und die Friedlosigkeit der Welt in Gang gebracht hat. Und es befeuert Trump das Geschäftsmodell der Rüstungsindustrie, um die politökomische Machtstellung mit dem „America First“ zu behaupten. Die Wichtigkeit der Nato ist ihm und seiner Entourage wohl angesichts der chinesischen Fortschrittsentwicklung gekommen, eine veränderte geostrategische Lage, die ein US-Amerika, allein auf sich gestellt, überfordert, um noch selbstherrlich den Ton anzugeben, der bislang für die Nato von der US-Politik ausgegangen ist und mit dem Irak-Krieg Widerstand gegen blinde Vasallentreue gefunden hat.
China als Irak-Ersatz und potenzielles Feindbild, um die Nato instrumentell zu erhalten, ist gleichbedeutend mit der Aussage, dass es ohne Feind nicht geht, um die bestehende machtpolitische Welt zu rechtfertigen und dass die Herausforderungen Liebe, Wohl und Frieden nicht erste Reihe sind, sondern der Realpolitik Hass, Wehe und Krieg Platz zu machen haben. Macrons Kritik in Bezug auf die Wertefrage ist von zentraler Bedeutung, wofür denn die Nato im Umfeld von anderen Verteidigungsbündnissen steht, für welche Werte, Zwecke und Ziele dieses Instrument als Einstehen für Werte, Mittel zum Zweck und Schritt zum Ziel gebraucht, gefordert und gerechtfertigt, auf weltgemeinschaftliche Vernunft von Weltordnung zurückgebunden und von daher nicht zuletzt einsatzbereit gehalten wird. Wer dem politischen und medialen Gestammel zuhört, möchte vom „scheintot“ auf „hirntot“ im anderen Sinn letzter Zuckungen zurückerkennen.
Die Verengung der Natofrage zum Jubiläumstag auf die Launen und Allüren der US-Politik unter Trump ist im wahrsten Sinne des Wortes grottenschlecht. Es wird die strukturelle Veränderung der Weltlage überhaupt verkannt, die nach dem II. Weltkrieg zur Gründung der Vereinten Nationen geführt hat, gegenwärtig angesichts der bedrückenden Herausforderungen des Weltganzen zu einer Neubesinnung und Selbstüberholung der Weltordnung führen müsste, dem historischen Ereignis ver-gleichbar, mit dem der Wiener Kongress Europa neugeordnet hat. Um noch einmal auf China Bezug zu nehmen, so ist festzuhalten, die unterstellte Bedrohung käme einer Selffulfilling Prophecy gleich. Was wirklich das Bedrohliche ist, das läuft auf Scheitern der industriegesellschaftlichen Meisterung der ökologischen Lebensbedingungen, auf Fortsetzung der atomaren Abrüstung aller und nicht nur Non-Proliferation wie auch der subsidiarisch zu stützenden Lebens- und Landesrechte der benachteiligten Völker hinaus.
Die Goliath-Denke ist ein schlimmer Irrweg, der den Spielarten vielfältiger Fegefeuer und Nadelstiche nichts mit Raketen, Flugzeugen, Bomben, Panzern und Kanonen entgegenzusetzen hat. Die offene Flanke ist das Asymmetrische, das andere operative Strategien und Ausstattungen erfordert, herkömmliche Kriegsschaubilder zurückfahren muss und verstärkt gegen Terrorismus, Piraterie, digitale Anarchie, Hackertum, ruinöse Tricksereien, internationale Kriminalität, Konkurrenz und Rivalität Hebel finden muss. Der Wahnwitz veranschaulicht sich milliardenschwer am saudischen Goliathkonzept, von ein paar Drohnen entzaubert. Nicht zu vergessen die hybride Kriegsstrategie der grünen Krim-Männchen, aber auch das fehlende Nachdenken, was das Beispiel der Überholtheit Ritter – Stadtmauer – Kanone für heute in einer hochtechnischen Welt mit so vielen Verwundbarkeiten bedeutet.
Es geht im Hinblick auf eine näher zusammengerückte Welt um das Zusammenwachsen in dieser Welt, um Kenntnisnahme differenter Kulturen und um notwendige Anstrengungen, denUnduldsamkeiten und Reibungen entgegen, für Kompatibilität und Toleranz. Wenn die westliche Kulturentwicklung wesentlich antik, weltlich-christlich, industriell) geprägt worden ist, so ist die östliche äußerlich verschiedengestaltig ausgeprägt, grob vom kultivierten Wesenskern her wie Stufenaufbau, vom Familien- (China) und Kasten- (Indien) zum Geisteshörigen (Orient) gegeben, jedoch selbstreflexiv auf das Gemeinsame hin diskurslos, mehr oder weniger mental fixiert. Die UNO als Dachausbau des Weltganzen, gerichtet gegen Hunger – Krieg – Un-menschlichkeit, nicht mehr als ein Anfang und Wahrzeichen für Fortschrittsnotwendigkeit. Worum es zu tun sein muss, betrifft das Upgrade eines neuen Einvernehmens im Hinblick auf die Leitlinien der Weltordnung, was den Einklang mit der Natur, die Freiheit der Welt und die Rechte des Menschen, aber auch die Realisation betrifft, die Entwicklungsvorgaben wie auch das Monitoring und den daraus resultierenden Konsequenzen an sinnvollen Auflagen. Die Weltklimavertrag von Paris, er hat den guten Willen der menschheitlichen Staatengemeinschaft in größter Geschlossenheit dokumentiert. Und der größte Beförderer des Rüstungsgeschäftes wie auch zugleich ein Selbstherrlicher des Machtanspruchs in der Nato legt vor, auch noch kriegsbereit den Weltraum sichern und schützen zu wollen, ein Quertreiber, der vom Klimavertrag zurückgetreten ist.
Vor der Keulenmentalität der sprachlichen Anfeindung, sozio-ökonomischen Sanktionierung und der kriegerischen Entscheidungssuche, schon in Gedanken, ist zu warnen, wenn nicht zuvor ein vernünftiger Klageweg in Bezug auf Missstand, Übelstand und Unrechtsstand geschaffen und beschritten worden ist, um auf die notwendige Abhilfe zu dringen, bevor nachdrückliche Maßnahmen zu ergreifen sind, um durch die Erzwingung zum Erfolg zu kommen. Mit Blick auf das vernünftige Einvernehmen im globalen Oberstübchen der Welt, sei gesagt, können wir nur Werbende sein, aber sicherlich ist zunächst uns selbst abgefordert: Wer wollen wir selbst sein und für was auf Rechte und Pflichten erkennen und in der globalen Welt stehen und fallen! Sei es, wo auch immer in der Welt von Stufen und Ebenen, das habe ich für mich dem olympischen Spielgedanken aus jener geschichtlichen Zeit der vorzeichnenden Friedensidee entnommen, nun im Spielreigen ästhetischer Vorbilder unserer Welt, beispielsweise als Aus für das Verrohende des Boxsports, für das heiße Geraufe im Rug-byspiel, für das monströse Streben von gedopten Eintagsidolen. Das ‚Greatest‘ der Selbstbehauptung war einmal, sollte gewesen sein. Auf das Spielerische im globalen Team der Verantwortlichen, von Einsatzziel, Rollenkompetenz und Zusammenwirken bestimmt, kommt es an. Und auch der Wetteifer wie das Zusammenspiel, von Bedingungsgleichheit getragen, die allgemeinen Lebensbedingungen zu humanisieren, zählen dazu, mal sich gegenseitig anzuspornen, mal miteinander vereint zu kooperieren, überhaupt immer wieder die Besinnung auf das übereinstimmende Ganze der Teile in Wahrheit zu pflegen. Emanzipation zu solcher Vernünftigkeit ist das auszurufende Zauberwort für unsere Zeit.